Geislingen / KARSTEN DYBA  Uhr
Das Geislinger Stadtfest soll ein friedliches Fest sein, doch manch einer fürchtet "auswärtige Chaoten", die für Ärger sorgen. Deswegen diskutierten der Hockverein, die Stadträte und die Stadtverwaltung über eine Änderung der Sperrzeiten.

Fällt in der Diskussion der Begriff "Facebook", ist Holger Schrag so wach wie sonst selten im Geislinger Gemeinderat. Die Diskussion auf seiner Internetplattform sei "auch ein Beispiel, wie über soziale Netzwerke in kurzer Zeit Bürgermeinungen transportiert werden können", jubiliert er nach der Sitzung im Internet.

Tatsächlich ist im Rat eine Diskussion unter Facebook-Nutzern Thema, und zwar darüber, ob die Stadt beim Hock die Sperrfrist verlängern soll, oder nicht. Jedoch regieren die Räte dabei vor allem ablehnend auf den "Shitstorm" und das unterirdische Niveau der Kommentatoren. Von einem "bizarren Ansinnen" und einer "Spaßreduzierung" ist im Netz die Rede, die Räte werden gar diffamiert als Leute, "die gar nichts Gutes für Geislingen wollen" oder gar der Stadt und dem Hock den Todesstoß versetzen. "Sind Sie auch in Facebook?", fragt CDU-Stadtrat Hans-Peter Maichle demonstrativ seine Nebensitzer. Auf deren Nein antwortet er: "Na, Gott sei Dank!"

Auslöser des Unmuts unter Geislinger Partygängern ist ein Antrag der Stadtverwaltung. Ihr Ziel: Nach dem Ende des Geislinger Stadtfests nachts um 3 Uhr sollen künftig auch die Kneipen keinen Alkohol ausschenken dürfen. Bislang war dies, weil gesetzlich geregelt, bis 5 Uhr erlaubt, was ein nahtloses hinübergleiten der Feier in den sonntäglichen Tag der Jugend mit seinem Flohmarkt ermöglichte. Den Grund für die angestrebte Neuregelung nennt Ordnungsamtsleiter Philipp Theiner in der Sitzungsvorlage: "In den letzten Jahren traten gerade nach dem offiziellen Ausschank- und Festende im Hockgebiet häufig Streitigkeiten, Ruhestörungen, Vandalismus und Körperverletzungsdelikte auf." Eine neue, vorläufig auf ein Jahr begrenzte Regelung wäre deshalb vom Hockverein "sehr begrüßt" worden, wie dessen Vorstand dem Oberbürgermeister schrieb. Und auch die Polizei "unterstützt daher die Absicht, durch verkürzte Öffnungszeiten dem entgegen zu treten".

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Holger Scheible findet es "nicht sehr glücklich", dass die Stadtverwaltung so kurzfristig an die Öffentlichkeit trat. Tatsächlich hatten sich Oberbürgermeister Frank Dehmer und die Ortsvorsteherin in Weiler, Bettina Maschke, schließlich in die Diskussion im Netz eingeschaltet. Öffentlich wurde das Thema aber, weil es durch die Sitzungsvorlage und aus Vorberatung des Verwaltungsausschusses in der Vorwoche seinen Weg auf die Internetplattform von Schrag und dem Grünen-Vorsitzenden Eckard Klein fand.

Betrachte er die Diskussion im Netz, erklärt Dehmer, so müsse er feststellen, dass die dort Aktiven "glücklicherweise nicht das gesamte gesellschaftliche Spektrum dieser Stadt abbilden". Den Antrag der Stadtverwaltung verteidigte sein Ordnungsamtsleiter als "ein Vorstoß, der geeignet ist, solche Auswüchse einzudämmen". Es gelte, nach dem Hock "wieder Ruhe reinzubringen in die Stadt". Die Anwohner hätten ein Recht auf Nachtruhe.

Friedlich feiern, oder saufen bis zum Abwinken? Der Hockverein klagt über die zunehmende Gewalt in den vergangenen drei Jahren, meist, wie die Polizei bestätigt, in den Nachtstunden zwischen 2 Uhr und 4.30 Uhr. "Das artet immer am Morgen aus", schimpft Maichle, "und das kommt nicht vom Hock, sondern von den umliegenden Gaststätten". Der frühere Polizeichef habe von "auswärtigen Chaoten" gesprochen.

Benedikt Dörrer von der GAL, die die Freiheit des Feierns verteidigt, begegnet dem mit einem Gegenvorschlag: Es handele sich vor allem um ein Lokal, in dem die Jugendlichen sich treffen. Man könne dies entzerren, in dem man für sie weitere Angebote schafft.

Letztlich sind sich alle Räte einig: Das Geislinger Stadtfest, der Hock, soll ein friedliches Fest bleiben. Ob aber eine Sperrzeitverlängerung das richtige Mittel ist, darüber sind sie die Räte uneins. Roland Funk, Sprecher der Freien-Wähler-Fraktion, sieht dies als Eingriff in die unternehmerische Freiheit des Gaststättengewerbes, befürwortet aber dennoch die Neuregelung. Holger Scheible sieht sich hin- und hergerissen und enthält sich deshalb. Werner Ziegler (CDU) hält die geplante Beschränkung für "sehr provinziell" und enthält sich, was andere feststellen ließ, Geislingen sei nunmal ein Provinznest.

Da will Maichle wissen, wer von den Räten in der späten Nacht eigentlich noch auf dem Hock sei? Probeabstimmung: Die Hände gehen hoch bei GAL und Teilen der SPD-Fraktion. Bernhard Lehle (GAL), der gegen den Antrag stimmt, sieht die Freiheit des Feierns in Gefahr: "Was mich ankotzt: Wegen ein paar Idioten wird uns das Fest verdorben." Es werde immer Festbesucher geben, die sich "die Rübe wegschießen". Und Holger Schrag, heimlicher Vorsitzender der Hock-Partyfraktion, betont: "Wir wollen ein Fest, wo alle festen können, wie sie können und wollen." Woraufhin Oberbürgermeister Dehmer feststellt: "Das habe ich heute Nacht schon gelesen."

Er stimme für den Antrag, weil er die Vorlage selbst geschrieben habe, erwidert der Oberbürgermeister auf Nachfrage. Dass sein Vorstoß scheitert, nimmt er gelassen. "Ich fand die Diskussion gut und das Ergebnis nicht schlecht." Vielleicht, so hofft er, trage sie dazu bei, dass der ein oder andere Randalierer nachdenkt.
 



Info Dem Antrag der Verwaltung stimmten sieben Räte zu (OB Dehmer, 2 Freie Wähler, 4 CDU), gegen strengere Regelung stimmten weitere sieben Räte (4 GAL, 2 SPD, 1 Freie Wähler). Fünf Räte enthielten sich (2 CDU, 2 SPD, 1 Freie Wähler).