Tod Professor Klaus Sames träumt vom ewigen Leben durch Einfrieren

Geislingen / CLAUDIA BURST UND CLAUDIA SCHÄFER 09.07.2018
Der emeritierte Anatomieprofessor Klaus Sames will sich nach seinem Tod einfrieren lassen, um irgendwann wieder zum Leben aufgetaut zu werden. Dass es klappt, dafür soll auch der Geislinger Bestatter Markus Maichle sorgen.

Visionär oder Spinner? Was sich für die einen nach Science-Fiction anhört, ist für sogenannte „Kryoniker“ vorstellbare Zukunft. Sie wollen nach ihrem Tod möglichst schnell schockgefrostet werden, um den Zerfall ihrer Körper- und Gehirnzellen zu verlangsamen.

Dann wollen sie so präpariert werden, dass sie bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff tiefgefroren werden können - und zwar mit dem Ziel, irgendwann in der Zukunft wieder zum Leben erweckt zu werden. An diesem wollen sie dann in neuer Frische - mit der Unterstützung heute noch unbekannter Zukunftstechnologie - teilnehmen.

Klaus Sames, ein emeritierter Anatomieprofessor, der zuletzt an der Universität in Hamburg lehrte, ist ein solcher Kryoniker. Der 75-Jährige hat sich schon seit Jahren darüber Gedanken gemacht, wie das im konkreten Fall vor sich gehen soll.

Aus diesem Grund ist er nach Süddeutschland gezogen, weil es dort eine Forschungsgruppe dreier Thanatopraktiker gibt, die für ihn ein „Zentrum der Kryonik“ eingerichtet haben - im Geislinger „Haus der Zeit“ bei Markus Maichle. Die Forschungsgruppe besteht außerdem aus Daniel Streit aus Ulm und Johan Homburg aus Nürtingen.

Dabei steht der Geislinger Bestatter der Idee der Kryoniker ausgesprochen skeptisch gegenüber. „Für mich machen meine Familie und meine Freunde mein Leben aus. In 300 Jahren sind die doch alle nicht mehr da, warum sollte ich da wieder leben wollen?“, fragt er sich.

Alle Geräte stehen in Geislingen bereit

Maichle glaubt auch nicht wirklich daran, dass das mit „Einfrieren und dem Auftauen und danach zum Leben erwecken“ tatsächlich funktioniert. „Andererseits hätte man vor 100 Jahren die Vision all dessen, was heute möglich ist, auch für Verrücktheiten gehalten. Deshalb würde ich nicht sagen, das geht nie“, erklärt er.

Weil er als Thanatopraktiker im Umgang mit den Spezialisten, die sich für die Kryonik interessieren, viel lernen kann, hat Maichle sich bereit erklärt, seinen Teil zum letzten Willen des Professors beizutragen. „Bei uns im Haus der Zeit stehen jetzt die notwendigen Geräte bereit, um Herrn Sames nach seinem Tod so mit dem von ihm selbst erfundenen Kühlmittel VM1 zu präparieren, sodass er nach Michigan in den USA ausgeflogen und dort in einem speziellen Institut zur - nicht ewigen Ruhe - tiefgefroren wird.“

Wenn Markus Maichle beschreibt, dass der Professor dort kopfüber in einer Art Schlafsack in einen Behälter aus Stickstoff gesteckt wird, werden sofort Bilder aus Hollywood-Filmen im Kopf aktiviert. „Genau deswegen ist das nicht mein Lieblingsthema. Die Medien reißen sich darum, weil es sich so spektakulär anhört. Für mich ist das jedoch nur ein Bruchteil meiner Arbeit. Meine Aufgabe ist es jedoch, auch Menschen mit einem ausgefallenen letzten Willen nicht zu enttäuschen“, sagt Markus Maichle. Er steht bereit. Immerhin könnte es jeden Tag so weit sein.

Jahrelang den Alterungsprozess erforscht

Als Dozent und Professor an renommierten Universitäten wie Heidelberg, Marburg, Erlangen und Berlin hat Klaus Sames jahrzehntelang den menschlichen Alterungsprozess erforscht. Das Spezialgebiet des anerkannten Gerontologen und Anatomie-Experten ist die Kryonik. Der Begriff ist vom griechischen Kryos abgeleitet, das Eis bedeutet. In der Kryonik hat der 75-Jährige seinen ganz privaten Weg gefunden, dem unausweichlichen Ende zu entgehen: „Ich verdränge den Tod nicht, ich suche einen Ausweg.“

Seit sechs Jahren lebt Sames in Senden. Aufgewachsen ist er in Hessen und machte dort als Pfarrerssohn eine „fromme Karriere“. Irgendwann, erinnert er sich, sei dieser Weg nicht mehr vorstellbar gewesen. Er wandte sich der Medizin zu, um wissenschaftliche Antworten auf die Frage zu finden, warum der Mensch sterben muss.

Was er fand, ließ ihn resignieren. „Der menschliche Körper ist viel zu kompliziert.“ Irgendwann könnte es Lösungen geben, aber erst in 200, 300 Jahren. Zu spät für Klaus Sames. Ein Student brachte ihn auf die Idee: Warum nicht eingefroren die Zeit überdauern?

Und so unterschrieb der Wissenschaftler Anfang der 80er einen Vertrag, der ihn für 28.000 Dollar zu einem Patienten des Cryonics Institute in Detroit machte. In den USA wird sein Körper nach seinem Tod in einem Stickstofftank lagern, bis Wissenschaft und Technik so weit sind, ihm und anderen Kryonikern ein neues Leben zu ermöglichen. Nanotechnologie sei dafür der Schlüssel, glaubt der Gerontologe. Irgendwann, hofft er, werden winzig kleine Nanopartikel seine alten Zellen reparieren oder die tödlichen Krankheiten anderer Kyoniker heilen können.

Nur drei Tiefkühllager weltweit

Außer in Detroit gibt es weltweit noch zwei Einrichtungen, in denen Kryoniker lagern, eine in Russland und eine weitere in den Vereinigten Staaten. In Deutschland, sagt Sames, sei Kryonik als Bestattungsart „weder verboten noch erlaubt“. Für ein eigenes Institut fehle es hierzulande an Menschen, Juristen und Geld. Also müssten die rund 65 deutschen Kryoniker nach ihrem Tod auf eine lange Reise gehen.

Zur Vorbereitung dieser Reise zählt jeder Augenblick. Klaus Sames weiß genau, was er sich für seine Todesstunde wünscht: „Dass jemand sehr schnell Eiswürfel besorgt, etwa die Menge, die ich wiege, und mich damit bedeckt.“ Zusätzlich zur Kühlung, erklärt der Kryoniker, bekomme er Medikamente wie Heparin gespritzt, um Blutklumpen zu vermeiden und Zellschäden vorzubeugen.

In Trockeneis wird er dann auf die Reise nach Detroit gehen, und im Cryonics Institute auf die Temperatur von Minus 194 Grad heruntergekühlt. „Vitrifizieren“ nennt Sames diesen Vorgang, bei dem das Frostschutzmittel nicht zu Eiskristallen, sondern zu einer glasähnlichen Masse erstarrt.

Soweit die Theorie. Sames gibt aber zu, „recht lässig“ mit seinem eigenen Tod umzugehen. Er wandert gerne in den Bergen, fernab von Eiswürfeln und Frostschutzmitteln. Ein Alarmierungsgerät, das jederzeit ein Abfallen seines Pulses registrieren und ein Kryonikteam herbeirufen könnte, gibt es noch nicht.

Das Infokärtchen, das Fremde im Notfall auf die richtige Versorgung des Kryonikers hinweisen soll, trägt er nicht immer bei sich. „Solange ich noch auf 2000 Höhenmeter komme, bleibt mein Herz nicht einfach stehen“, meint Sames. Er hofft, dass sein Ende planbar kommt, in einem Krankenhaus, mit Ärzten, die richtig vorbereitet sind.

Vielleicht landet der Kryoniker dereinst im Zoo

Und was, wenn er in hunderten von Jahren aufgeweckt wird, in einer ihm fremden Welt? „Ein Mensch mit normaler Intelligenz wird klarkommen“, ist sich Sames sicher. „Die Zukunft ist doch sehr interessant.“ Dann erzählt er das „nette Geschichtchen“ vom Kryoniker, der in der Zukunft in einem Zoo landet: „Aber bei guter Verpflegung.“

Zu schaffen macht dem 75-Jährigen, dass er ein mögliches zweites Leben alleine antreten muss. „Ich werde meine ganze Familie verlieren“, sagt Sames ungewöhnlich ernst. Die Tochter, Freunde - er konnte sie nicht von der Kryonik überzeugen. „Der Tod ruft Angst, Entsetzen und Hilflosigkeit hervor, die schlimmsten Gefühle, die es gibt.“ Doch was zählt, ist der Traum, diese „zehn Prozent Chance“, die Sames sich selbst und dem Experiment Kryonik gibt.

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