Kunstbeschreibung Plastische Beziehungen

Stefan Renner 18.05.2018

Die beiden Holzbildhauer Arthur Goldgräbe und Hartmut Väth setzen sich seit Jahren mit dem Werkstoff Holz und seinen skulpturalen Möglichkeiten auseinander. Im Rahmen des ersten Rundgangs des Kunst- und Geschichtsvereins Geislingen zum Thema „Mensch!“ stellen sie Arbeiten aus, die Aspekte von menschlichen Beziehungen ausdrücken. Die dargestellte Arbeit Arthur Goldgräbes aus dem Jahr 2018 lautet auf den Titel „Zwiegespräch“. Hartmut Väths Arbeit aus dem Jahr 2016 trägt den Titel „Gleichgesinnte“.

Die naturbelassene Arbeit von Goldgräbe zeigt zwei menschliche Figuren, die sich in einer kreisförmig angelegten Komposition begegnen. Der Kreis gilt als vollkommene Form und findet sich auch in Form des Ringes als verbindendes Symbol von Paaren wieder. Die zu ihm zusammengefügten Figuren zeigen Wachstums- und Verletzungsmaserungen und -spuren. Bei ihnen überwiegt von außen betrachtet das Konvexe und damit das Raum-Abweisende.

Von außen abgeschlossen, entsteht so im Inneren ein sich zu den Seiten und nach oben hin öffnender, schalenartig bergender Hohlraum. Die Figuren sind in eine Beziehung gesetzt worden, die über eine Verwachsung auf Höhe ihrer Hüften zustande kommt. Sie scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein, eins zu werden, ja zu sein und sich einander zuzuwenden und dabei gemeinsam das Gleichgewicht in einer kreisförmig angelegten Komposition zu suchen.

Sie befinden sich damit in einem Balanceakt der besonderen Art: nach außen geschützt, nach innen einander zugewendet und in gewisser Weise geöffnet. Jede Bewegung, ganz gleich ob aufeinander zu und von einander weg, würde das momentan gefundene und ausgewogene Gleichgewicht verändern. Von Neuem müssten die zwei sich einrichten, um sich wieder in einem Gleichgewicht einzufinden und neuerlich zu begegnen.

Auch Väths Arbeit zeigt zwei Figuren, die sich stehend, leicht um sich selbst gedreht auf einem Sockel begegnen. Die Holzstrukturen werden durch das Anbringen weißer Lasuren etwas zurückgedrängt. So erfährt der organisch entwickelte, konkav und konvex vor- und zurückspringende plastische Ausdruck durch das sich auf ihm abzeichnende Licht-, Schattenspiel eine besondere Betonung. Durch den weißen Schimmer wirken die beiden „Figuren“ auch leichter.

Der Eindruck von Leichtigkeit wird zudem dadurch unterstützt, dass ihnen ein massiges Volumen im wahrsten Sinne des Worts abgeschlagen wurde. In konkav-konvexen Abfolgen sind in dünnen Wandungen Körper in einer an Pflanzen oder Blätter erinnernden Formensprache entstanden.

Betrachtet man beide Fuß- und Kopfpositionen, fällt auf, dass sich die beiden Figuren wie in einer eingefrorenen Tanzsituation leicht um sich selbst gedreht haben. So kommt es entlang ihrer Haltungen zu Phasen, in denen sie sich einander zuwenden und zu solchen, in denen sie sich voneinander abwenden – in Gänze scheinen sie sich noch nicht einander öffnen zu können beziehungsweise zu wollen.

Leichtigkeit und Zerbrechlichkeit erfahren ihre zusätzliche Betonung durch die sehr dünnen, zusammenlaufenden Enden im Bereich der Füße. Dies mindert ihre Standfestigkeit und ihren Halt.

Hinzu kommen die Scharten in den Blattschalen, die wie Verletzungen wirken. Es scheint um Verletzlichkeit, zaghafte Zuwendung und Fragilität von Beziehungen auch unter Gleichgesinnten zu gehen. In beiden Arbeiten geht es also ums sensible Miteinander. Viel bedarf es nicht, um bei beiden etwas aus dem gefundenen Beziehungsgleichgewicht zu bringen.

Am Menschen Hängendes als etwas Labiles, Fragiles und Verletzliches darzustellen, scheint ein wesentlicher Aspekt beider Arbeiten zu sein.

Info Die Ausstellung zum Thema: Mensch! mit Arbeiten von Boris Kerenski, Nadine Lindenthal, Sibylle Will, Arthur Goldgräbe und Hartmut Väth ist noch bis zum 3. Juni in der Galerie im Alten Bau zu sehen. Öffnungszeiten: Di bis So von 14 bis 17 Uhr.