Karriere Pilotin mit 21: „Alle finden es toll“

Aylin Bayer zeigt stolz ihre Piloten-Lizenz. Foto: Rainer Lauschke
Aylin Bayer zeigt stolz ihre Piloten-Lizenz. Foto: Rainer Lauschke © Foto: Rainer Lauschke
Kathrin Bulling 04.11.2016

Im Sommer flog Aylin Bayer alleine über Deutschland. Fünf Stunden am Stück. Ohne Begleitung im Cockpit. „Als ich das geschafft habe, habe ich mich wie eine richtige Pilotin gefühlt“, sagt sie.

Der Flug über 300 nautische Meilen war die Krönung in Bayers Ausbildung zur Verkehrspilotin an der privaten Flugschule in Filderstadt. Kaum einer der Absolventen ist so jung: „Wenn ich jetzt einen Job bei einer Fluggesellschaft bekomme, bin ich wohl die jüngste Pilotin Deutschlands“, sagt die 21-Jährige.

Dass ihr Nachname deutsch klingt, ist Zufall: Aylin Bayers Eltern stammen aus der Türkei und wanderten 1981 nach Geislingen aus, ihre Tochter wurde in der Fünftälerstadt geboren. Von ihren türkischen Wurzeln hat sich die junge Frau nie entfernt – sie spricht fließend türkisch, hat viele türkischstämmige Freunde und ist regelmäßig in ihrem Herkunftsland. „Dass ich die Ausbildung zur Pilotin geschafft habe, freut mich auch deshalb so, weil es immer heißt, dass Türken nichts erreichen“, sagt sie. „Mein Beispiel zeigt, dass das nicht stimmt.“Aylin Bayer besuchte die Lindenschule und machte ihr Abitur am MiGy. Dass sie so weit gekommen ist, führt sie auch auf die Unterstützung ihrer Eltern zurück. Sie hätten immer viel Interesse an der Schule gezeigt und Wert auf Erziehung gelegt. „Das ist in türkischen Familien leider nicht immer so.“ Und mit der finanziellen Hilfe ihrer Eltern konnte die 21-Jährige die Privatschule bezahlen – rund 90 000 Euro kostete die.

Zur theoretischen Ausbildung mit viel Mathe und Physik kamen rund 220 Flugstunden – am Simulator, aber auch im Cockpit einer ein- sowie zweimotorigen Maschine, etwa einer Piper PA44. Fünf Monate lang flog sie jeden Tag  vier bis fünf Stunden. Sie lernte, auf Sicht und nur mit den Instrumenten zu fliegen, sie übte das Verhalten beim Ausfall eines Triebwerks und landete bei Nacht. „Die Lichter auf der Landebahn zu sehen, war faszinierend.“

Was ein guter Pilot braucht? Aylin Bayer muss nicht lange überlegen: „Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit, gutes Englisch, man muss zielstrebig sein und selbstbewusst – sonst vertrauen einem die Leute nicht.“ Dass sie eine Frau ist, empfindet sie nicht als Nachteil – eher umgekehrt, weil viele Fluglinien mehr Frauen einsetzen wollten.

Nach 14 schriftlichen Tests auf Englisch und einem dreistündigen Prüfungsflug hatte sie im September ihre Lizenz des Luftfahrtbundesamtes in der Tasche. Jedes Jahr muss sie sich nun körperlich durchchecken lassen. Zurzeit bewirbt sie sich bei Fluglinien in Deutschland und der Türkei. „Für eine große türkische Linie wie Turkish Airlines zu fliegen, wäre mein Traum.“ Wird sie angestellt, bekommt sie nochmal eine mehrmonatige Ausbildung an den dort eingesetzten Maschinen. „Am liebsten würde ich einen A 380 fliegen – den Gigant unter den Fliegern.“ Ihr Ziel: Als Kapitän auf der Langstrecke unterwegs zu sein. „In den Ruhepausen kann man etwas von dem Land erleben, in dem man gerade ist.“

Auch wenn ihre Mutter ­Sebahat sich am Anfang große Sorgen machte, ist sie nun mächtig stolz auf ihre Tochter – so wie der Rest der Familie, Vater Deniz und der 19-jährige Bruder Tolga, und ihre Freunde. „Viele sind schockiert, weil ich so jung bin und weil das nichts Alltägliches ist“, erzählt sie und lacht. „Alle finden das aber toll und wollen mehr wissen.“ Ihre Persönlichkeit habe sich während der Ausbildung sehr entwickelt, meint sie. Verantwortung für so viele Passagiere zu haben, empfindet sie nicht als Last, sondern als Freude: „Es ist schön zu wissen, man fliegt als junge Frau eine so große Maschine.“

Welt in einer Stadt

Die GZ-Serie „Welt in einer Stadt 2016“ stellt Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Geislinger Wirtschaftsleben vor. Alle Texte gibt es auf www.swp.de/wies2016