Geislingen / Claudia Burst  Uhr
Ihr halbjähriges Studium in Marokko hat Yasna Crüsemann schwer beeindruckt. Aber die Situation der Flüchtlinge in dem Land lässt sie nicht los.

Ein achtjähriger Junge aus Kamerun verliert auf der Flucht seine Mutter. In Sierra Leone spart ein ganzes Dorf Geld, damit zwei Brüder es nach Europa schaffen, um von dort aus dem Dorf zu helfen. Die Brüder gehen einer Schlepperbande auf den Leim und verlieren alles. Ein 28-Jähriger aus Kamerun will nach Europa, um seine fünf Geschwister von dort aus finanziell zu unterstützen. Er überlebt die Strecke durch die Sahara, bei der Überquerung des Atlasgebirges in Algerien erfriert in der Nacht sein Freund, ihm selber frieren die Zehen ab. Irgendwie schafft er es trotzdem nach Oudja in Marokko an der algerischen Grenze. Yasna Crüsemann hat diese Geschichten von den Menschen erfahren, die sie erlebt haben.

Seit Ende ist Crüsemann wieder in Geislingen

Die Geislinger Pfarrerin hat ein halbes Jahr lang im marokkanischen Rabat verbracht (wir berichteten). Seit Ende Juni ist sie wieder zurück in der Fünftälerstadt. Was sie im Gepäck mitbringt, sind ein bestandenes Zertifikat im Fach „Dialog der Kulturen und Religionen“ – und Schicksale, die sie nicht mehr loslassen.

Pfarrerin Yasna Crüsemann verlässt Geislingen für ein halbes Jahr. Sie studiert für ein Semester in Marokko.

In Oudja finden die Menschen, die meist aus Ländern südlich der Sahara stammen, im Rahmen eines ökumenischen Kirchenprojekts einen Platz, um zur Ruhe zu kommen. Dort brauchen sie keine Angst zu haben vor Gewalt, Folter oder Vergewaltigung – Verbrechen, die inzwischen in all den Ghettos an der Tagesordnung sind, die sich in vielen Hafenstädten der Mittelmeeranrainerstaaten gebildet haben.

Kirchenkreis in Stuttgart unterstützt Projekt in Oudja

Yasna Crüsemann hat sich  das Projekt in Oudja, das etwa fünf Stunden von Marokkos Hauptstadt Rabat entfernt ist, angesehen, weil es von einem Kirchenkreis in Stuttgart unterstützt wird. „Die Geschichten haben mich erschüttert. Die Männer könnten vom Alter her meine Söhne sein“, sagt sie. Crüsemann hat in Südamerika bereits viel Armut erlebt, „aber die Verzweiflung dieser Menschen hier macht mich unendlich traurig“. Es sei eine Verzweiflung, die aus Elend, Krieg und Hoffnungslosigkeit gespeist wird. „Sie riskieren ihr Leben, weil jede Chance besser ist als das Elend zu Hause“, sagt die Pfarrerin.

Probleme werden aus dem Blickfeld geschoben

Sie findet es „skandalös“, dass die EU ihre Probleme mit Migranten an die afrikanischen Mittelmeerländer auslagert, „damit diese aus unserem Blickfeld verschwinden“. Von marokkanischen Sicherheitskräften würden Menschen auf der Flucht in Bussen zurück in die Wüste gekarrt und dort ausgesetzt. Selbst wenn sie krank oder verletzt seien oder sogar schwanger wegen einer oder mehrerer Vergewaltigungen im Vorfeld. „Oft nehmen sie den Menschen dort dann noch Schuhe und Handys weg“, berichtet Yasna Crüsemann.

"Wir wohnen im schönsten Haus Geislingens." Das sagt Pfarrer Dietrich Crüsemann über sein Pfarrhaus direkt neben der Stadtkirche, wohl wissend, dass es nur bedingt familientauglich ist.

Eigentlich hat es der Theologin in Marokko gut gefallen. Auch wenn es „unglaublich arbeitsintensiv“ war, wie sie erzählt. Der Kurs im katholischen Institut „Al Mowafaqa“ habe von Montag bis Freitag täglich von 9.30 Uhr bis 17 Uhr auf Französisch stattgefunden. „Für mich war es eine interessante Erfahrung, selber Ausländerin zu sein“, konstatiert sie. Konnte sie anfangs nur ein bisschen Schulfranzösisch, so hat sie am Ende neun Prüfungen und eine Hausarbeit in dieser Sprache geschrieben.

Crüsemann: „Den einen Islam gibt es nicht.“

In Marokko sei Religion überall gegenwärtig, ob bei einem der fünf täglichen Gebete irgendwo auf einem Gehweg oder beim Fastenbrechen am Strand, wo unzählige Muslime gemeinsam auf den Sonnenuntergang warteten.  Yasna Crüsemann hat gelernt, dass es „den einen Islam nicht gibt, er ist sehr vielfältig“. Und sie schätzte es, dass in ihrem Kurs auch kritische Fragen an die muslimischen Professoren, allesamt Islamwissenschaftler, möglich waren. „Allein die Zusammensetzung unserer 15-köpfigen Lerngruppe war schon spannend“, stellt sie fest. Ebenso spannend war die immer wieder diskutierte Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben der Religionen?

Von tiefem Glauben beeindruckt

Eine der Kommilitoninnen war eine katholische Schwester aus Burkina Faso, deren Mitschwestern bei Terrorangriffen auf die Kirche ums Leben gekommen waren. Der Schwager einer anderen Ordensschwester im Kurs war von Unabhängigkeitskämpfern entführt worden und ein männlicher Mitstudent, der aus dem kamerunischen Grenzgebiet zu Nigeria stammt, hat miterlebt, wie Boko Haram Dörfer in Brand setzte. „Es ist so beeindruckend, wie sie dank ihres tiefen Glaubens trotzdem fröhlich sind und den Dialog suchen“, sagt Crüsemann.

Statt ans Meer zu gehen, kümmerte sich Yasna Crüsemann nach bestandener Prüfung während ihrer letzten Tage in Marokko lieber um ein kirchliches Projekt in Rabat, das Frauen auf der Flucht hilft, und dem Projekt in Oudja. Dort hat sie vor allem den achtjährigen Jungen aus Kamerun ins Herz geschlossen.

Für ihn und all die anderen Menschen auf der Flucht sammelt sie in Zukunft von Deutschland aus Geld, Männerkleidung und Medikamente jeder Art.

Dieser Artikel war zuerst im ePaper und in der gedruckten GEISLINGER ZEITUNG am Dienstag, 9. Juli, erschienen.