In dem dreigeschossigen Fachwerkgebäude bei der Stadtkirche wohnt seit elf Jahren das Pfarrerehepaar Crüsemann. Genauer: Die Eltern Dietrich (55) und Yasna Crüsemann, die Kinder Raphael (18), die Zwillinge Salome und Joshua (16) und die Zwillinge Deborah und Emanuel (12). Zur siebenköpfigen Familie, die zumindest an Wochenenden und in Ferienzeiten meist vollzählig versammelt ist, kommen folgende Hausbewohner hinzu: zwei weiße Häschen mit wuscheligem Fell, zwei Schildkröten, momentan nur noch zwei Fische im Aquarium - und, wohlgemerkt ausgelagert, rund 30.000 Bienen. Ach ja, und dann streicht durch die Zimmer noch die Hauskatze mit dem sinnigen Namen "Luzifer".

So viele Bewohner wollen erst mal untergebracht werden. Im Parterre hat Pfarrer Crüsemann sein kleines Arbeitszimmer, dann ist auf dieser Ebene noch der Heizraum für die Stadtkirche untergebracht. Im ersten Stock: Wohndiele mit großem Esstisch, zwei geräumige Zimmer - ein Wohn- und Musikzimmer sowie ein großes Arbeitszimmer - und die Küche samt Speisekammer überm Eingang. Im Stockwerk darüber befinden sich die Schlafzimmer. Noch eine Etage höher, schon unterm Dach und mit Schrägen, ein Zimmer, das gerade seinen Belegungszweck ändert: Ins bisherige Arbeitszimmer von Yasna Crüsemann darf nun der älteste Sohn einziehen. Von vielen Bewohnern zeugen viele (Bücher-)Regale, Vitrinen, Ablageflächen und Schränke.

Leicht knarzende Holztreppen verbinden die Stockwerke. Eine steile Steinstiege führt vom Parterre hinab in den Gewölbekeller. Eine Türe öffnet den Zugang zum mit Mauer, Zaun und Büschen abgeschotteten Garten. Und eine zugemauerte, relativ schmale Öffnung mit Rundbogen im ersten Stock scheint früher ein direkter Zugang zur Stadtkirche gewesen zu sein.

"Wir sind als Pfarrer hier Bewohner auf Zeit," gibt Dietrich Crüsemann zu bedenken. Wäre das Gebäude sein Eigentum, hätte er wohl längst unterm Dach weitere Zimmer ausbauen lassen.

"Einst Klause, 1355 bis 1587 mit Unterbrechung Franziskanerinnen-Kloster, dreigeschossiger Massiv- und Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach in Ecklage zwischen äußerer und innerer Stadtmauer, an West- und Südseite auf dieser aufsitzend." So werden in der offiziellen Liste in aller Kürze die Denkmalqualitäten des Gebäudes beschrieben, in dem sich nun das Pfarramt 2 befindet.

"Es war schon immer mein Traum, in einem Fachwerkhaus zu wohnen. Das Haus hat viel Atmosphäre, aber man merkt natürlich, dass es nicht als Pfarrhaus erbaut wurde", weiß Crüsemann. Das wurde vollends zum Problem, weil Tochter Salome, die von Geburt an spastisch gelähmt ist, auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Lange währte der Kampf der Crüsemanns mit kirchlichen Stellen, bis im Treppenhaus eine Vorrichtung für einen Lifter installiert wurde.

Im Sommer essen die Crüsemanns gerne mal in ihrem Garten. Vergällt wird ihnen das Vergnügen aber von Massen leerer Flaschen, die das Partyvolk per Mauerwurf entsorgt. Überhaupt ist es öfters bis spät in die Nacht sehr laut. Früher waren es Punks, heute junge Leute, die sonst keine Bleibe haben, um gemeinsam zu feiern, zunehmend aber auch Studentengruppen, die den Eingang zum MAG-Bau als Partyraum nutzen. "Das wirkt wie ein Schalltrichter", schildert Crüsemann sein Leid. Schon oft sei er selber rübergegangen und habe um Rücksicht gebeten, oft habe er aber auch die Polizei bemüht.

Das schmälert für Crüsemann aber nur die überragenden Qualitäten seines Wohnhauses: Er wohnt mittendrin - Blick direkt auf Stadtkirche und Kirchplatz. Aus einem Küchenfenster schaut man aufs "Kirchle", den Vorbau am Kircheneingang; und von der Wohndiele ist das Maßwerk eines Kirchenfensters zum Greifen nah.

Das Pfarrhaus ist an die Stadtkirche angebaut. Der Kontakt ist so direkt, dass Crüsemann schon ein, zwei Sekunden vor dem ersten Glockenschlag des Sieben-Uhr- und Zwölf-Uhr-Läutens durch ein Vibrieren spürt, was die Stunde geschlagen hat.