Kabarett Parodien, Pointen und Patronen aus Bavaria

 Helmut Schleich zieht in der Geislinger Rätsche im schönsten Bayerisch über Politik, Lifestyle und Zeitgeist her.
 Helmut Schleich zieht in der Geislinger Rätsche im schönsten Bayerisch über Politik, Lifestyle und Zeitgeist her. © Foto: Sabrina Balzer
Geislingen / Eva Heer 11.06.2018

Wo andere höflich fragen: „Wären Sie möglicherweise geneigt, über mein Angebot nachzudenken“, poltert Helmut Schleich mit grimmiger Miene: „Kauf, du Sau!“. Mit seinem gleichnamigen Programm entzückte der vielfach ausgezeichnete Kabarettist aus München am Freitag das Publikum in der ausverkauften Geislinger Rätsche.

In schönstem Dialekt dröselt der 50-Jährige politische Verwicklungen auf (gerne die bayerischen), grantelt gestenreich, tupft sich den Schweiß von der Stirn. Er  spielt mit  Wortklaubereien („Patronen aus Bavaria“, ein Lied des bekannten „Napalm“-Duos“), macht sich über Hipstertum und Lifestyle lustig („Filterkaffee ist der neue Green Smoothie“) und liest eine politisch absolut korrekt durchgenderte  Geschichte vor: das böse maskuline Wort Vat-er ersetzt durch ein emanzipiertes Vat-sie.

Paradestücke sind allemal Schleichs Parodien. Allen voran das Sahnestückchen: Franz Josef Strauß, den man –  30 Jahre nach seinem Ableben – in Schleichs perfektioniertem strauß’schem Habitus verblüfft wiederauferstanden sieht. Da stimmt jedes Zucken der Augenbrauen.  Und ohnedies werden bis heute ja alle bayrischen Ministerpräsidenten in der Einheit Strauß gemessen (Markus Söder: 0,815  Strauß).

Überhaupt kennt Schleich seinen Freistaat kaum noch wieder:  Junge Leute lassen sich Sushi in den Biergarten liefern, drohen Rhabarbersaft schlürfend mit schlechter Bewertung auf Trip Advisor, bestellen Dinkelzipfel für ihren zuckerfreien Nachwuchs in den zu Vollkornparadiesen verkommenen Bäckereien. Oder sie brettern mit ihrem SUV vor den Dallmayr in die Münchner Innenstadt, um ein kleines Glas kandierte Langustenhoden zu erwerben. Auch die Religion ist in Bayern nicht mehr das, was sie einmal war. (Aber gut. Mars war auch mal ein Gott und ist jetzt ein Schokoriegel.) Der neue Gott heißt Internet, der Suchverlauf auf Google ist das unauslöschliche Sündenregister. Predigen lässt Schleich Heribert Prantl, den Schutzpatron des deutschen ,Qualitätsjournalismus’. Und selbst die Ratzingerbrüder Schorschi und Beppi überlegen in einem feinsinnigen Dialog, ob sie aus Rom zurückkehren, um noch etwas zu retten.

Das Geislinger Publikum goutiert Schleichs kluges, pointiertes, unterhaltsames  Programm mit  weit mehr als nur gepflegtem Gesinnungsapplaus.     

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