Geislingen NSU-Monologe: „Ermittelt gegen Nazis“

Die Bühne für Menschenrechte in der Rätsche: vier Schauspieler, ein Gitarrist und Worte, die schmerzhaft persönlich und zugleich zutiefst politisch sind.
Die Bühne für Menschenrechte in der Rätsche: vier Schauspieler, ein Gitarrist und Worte, die schmerzhaft persönlich und zugleich zutiefst politisch sind. © Foto: Alexander Jennewein
Geislingen / Stefanie Schmidt 02.05.2018
Die NSU-Monologe der Bühne für Menschenrechte geben den Opfern ein Gesicht und ihren Angehörigen eine Stimme.

Elif Kubasik lernt ihren Mann Mehmet als 17-Jährige in ihrem türkischen Heimatdorf kennen. Das junge Paar trotzt dem Widerstand beider Familien: Heimlich treffen sich die Verliebten auf dem Feld zwischen den hohen Baumwollstapeln, setzen sich schließlich ins Auto und fahren davon, um zu heiraten. Nach Deutschland kommen die Eheleute,  weil sie sich als kurdische Aleviten in der Türkei nicht sicher fühlen. „Endlich ein Leben ohne Angst“ – das ist ihre Hoffnung. Nach einem Schlaganfall kann Mehmet körperlich nicht mehr schwer arbeiten und eröffnet in Dortmund einen Kiosk. Dort wird er im April 2006 ermordet. Er ist das achte Opfer in der Mord-Serie der rechtsextremistischen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU),  die zwischen 2000 und 2006 aus rassistischen Motiven neun Menschen tötet.

Der Autor Michael Ruf und sein Team von der Bühne für Menschenrechte haben mit Elif Kubasik und Adile Simsek, deren Mann Enver das erste Opfer der NSU war, gesprochen. Diese Interviews sowie Gerichtsprotokolle und Reden, die den Künstlern vom Vater des ebenfalls ermordeten Halit Yozgut zur Verfügung gestellt wurden, sind die Basis für die NSU-Monologe. Auf Einladung des Kultur- und Sportvereins Genclik führte die Bühne für Menschenrechte das dokumentarische Theaterstück am Sonntag vor etwa 50 Zuschauern in der Rätsche auf.

Aufgeklärt wird die Mord-Serie erst 2011 – nicht etwa durch Ermittlungen der Behörden, sondern durch die Selbstenttarnung der Terrorzelle. „Ermittelt gegen Nazis“, drängt Adile Simsek die Polizeibeamten. „Dreimal habe ich es ihnen gesagt. Sie haben uns nicht geglaubt.“ Wenige Wochen, nachdem der 21-jährige Halit Yoz­gut im April 2006 auf dem Boden seines Internet-Cafés in den Armen seines Vaters Ismael gestorben ist, organisieren die Yozgats mit anderen Opferfamilien einen Schweigemarsch. Ihre Botschaft: Die Mord-Serie hat einen rechtsextremen Hintergrund. Doch im Fadenkreuz der Ermittler scheinen nur die Familien der Opfer zu stehen.

Zum Schmerz über den Verlust der Angehörigen kommen nun die Vorwürfe der Ermittler. Zunächst hätten sie auf die Behörden vertraut, versucht alle Fragen zu beantworten, sagt Adile Simsek. „Wir haben alles mitgemacht. Wir wollten doch, dass alles aufgeklärt wird.“ Doch die Ermittlungen laufen nur in eine Richtung:  Die Opfer sollen in Drogengeschäfte verwickelt gewesen sein oder in Machenschaften der türkischen Mafia. Die Angehörigen werden überwacht, abgehört, gegängelt, die Verwandten in der Türkei befragt.

Ruf der Familien ruiniert

Ihr Mann habe mehrere Geliebte gehabt, versuchen Ermittler Adile Simsek einzureden. Außerdem habe Enver, der regelmäßig geschäftlich nach Holland  fuhr, Drogen und Geld über die Grenze geschmuggelt. Jeder Mensch habe eine „dunkle Truhe“ voller Geheimnisse – auch ihr Mann, hätte ein Polizist immer wieder betont. Ob es denn nicht irgendeine „Blutfehde“ innerhalb der Familie gegeben habe oder ob es sich vielleicht um einen Ehrenmord handle, fragt man Elif Kubasik. Ihre Tochter habe schließlich einen Freund. Oder gibt es einen Zusammenhang mit der PKK?

Die Medien prägen für die Mordserie die respektlose Bezeichnung „Döner-Morde“. Der Ruf der Familien  ist bald völlig ruiniert. Hinzu kommt die Angst, dass die Täter zurückkommen könnten, um weitere Angehörige der Familien umzubringen. Sie habe es sich fast schon gewünscht, ebenfalls ermordet zu werden, sagt Simsek. „Dann würde es wenigstens eine neue Spur geben.“

 Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2012 verspricht Angela Merkel  den Familien Aufklärung. Im Mai 2013 beginnt in München der Prozess gegen Beate Zschäpe. Im kommenden Juli könnte nach fünf Jahren das Urteil fallen. Auf Antworten warten die Opfer-Familien aber immer noch. Von der Angeklagten kämen nur Lügen, klagt Ismail Yozgat. Das  rechtsextremistische Umfeld der Täter werde nicht aufgeklärt, auch nicht die Verwicklungen der Behörden.

Diese Fragen beschäftigen im Anschluss an das Theaterstück auch die Teilnehmer der Podiumsdiskussion: Aziz Aslan, Bundesvorsitzender   der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF), der grüne Landtagsabgeordnete Alexander Maier und Janka Kluge von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN BdA) Baden-Württemberg. Der Prozess bleibe bei der Schuld Beate Zschäpes stehen, meint Kluge. Es werde aber nicht deutlich, welchen rassistischen Bodensatz es in der Gesellschaft gebe, der die Mord-Serie erst ermöglicht habe: von den vernetzten faschistischen Strukturen der Rechtsextremen bis zu Politik und Medien, die die Theorie vom kriminellen Hintergrund der „Döner-Morde“ einfach übernommen hätten.

Alexander Maier ist überzeugt, dass die „unglaublichen Ermittlungsfehler“ der Behörden keine reine Dummheit gewesen seien. Aber welche Rolle etwa der Verfassungsschutz gespielt habe, sei nicht einfach zu klären. Es sei schwierig, von dem Geheimdienst greifbare Infos zu bekommen.  Der hessische Verfassungsschutz habe beschlossen, einen internen Bericht zum Mord an Halit Yozgat für die nächsten 120 Jahre unter Verschluss zu halten, fügt Aziz Aslan hinzu.

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