Prügel Notärzte schöpften Verdacht

Die Angeklagten im Ulmer Landgericht: Die Frau und ihr damaliger Lebensgefährte sollen 2011 ihren kleinen Jungen so schwer misshandelt haben, dass er an den Verletzungen starb.
Die Angeklagten im Ulmer Landgericht: Die Frau und ihr damaliger Lebensgefährte sollen 2011 ihren kleinen Jungen so schwer misshandelt haben, dass er an den Verletzungen starb. © Foto: dpa
Geislingen/Ulm / STEFANIE SCHMIDT 21.04.2016
Ein Kind mit schwersten Kopfverletzungen, die Eltern teilnahmslos. Die Notärzte, die den kleinen Jungen behandelten, der von einem Geislinger Paar totgeprügelt worden sein soll, schöpften sofort Verdacht.

Das Ulmer Landgericht befasst sich mit dem Tod eines vierjährigen Jungen, der an den Folgen von Schlägen gestorben ist. Am Mittwoch war der zweite Verhandlungstag in Ulm. Situationen werden geschildert: An einem Samstag im März 2011 kurz nach 17 Uhr alarmierte F., die Mutter des Jungen, den Notarzt: Ihr vierjähriger Sohn, der an Diabetes leide, sei umgefallen und atme kaum noch. Dem Notarzt aus dem Geislinger Krankenhaus und seinem Rettungsassistenten, die bereits wenige Minuten später in der Wohnung von F. und ihrem damaligen Lebensgefährten B. eintrafen, kam die Situation von Anfang an suspekt vor. "Wenn wir zu einem Kindernotfall fahren, werden wir normalerweise schon herbeigewunken, wenn wir in die Straße einbiegen", gab der Notarzt beim Gericht an. In diesem Fall hätten sie selbst das richtige Haus suchen müssen. Als sie durch die Haustür traten, sei ihnen B. entgegenkommen: Der Junge sei gerade erst umgefallen und habe aufgehört zu atmen.

Der Vierjährige sei kerzengerade mitten im Kinderzimmer gelegen, erzählte der Notarzt. Seine Arme und Beine gerade ausgestreckt. "Das sah nicht aus wie hingefallen." Der Junge war leblos, das EKG zeigte eine Nulllinie. Das Rettungsteam versuchte sofort, den Jungen zu reanimieren und seinen Kreislauf zu stabilisieren, was nach etwa fünf Minuten auch gelang. Anfangs seien ihnen keine akuten Verletzungen aufgefallen, fügte der Notfallmediziner hinzu. Nachdem der Kreislauf wieder in Gang gekommen war, hätten sich jedoch Hämatome gebildet -besonders auffällig: ein sogenanntes Brillenhämatom um beide Augen. Der Notarzt diagnostizierte ein schweres Schädel-Hirntrauma als Ursache für die Bewusstlosigkeit des Jungen.

Sowohl der Notarzt als auch die Besatzung des später eingetroffenen Rettungswagens beschreiben das Verhalten von F. und B. als auffällig teilnahmslos, fast apathisch. Sie haben uns nicht über die Schulter geschaut", erklärte einer der Rettungsassistenten. "Bei Nachfragen mussten wir sie regelrecht suchen." Nach dem Ursprung der schweren Verletzungen gefragt, berichteten die Angehörigen von mehreren Unfällen in den vorangegangenen Tagen - von einem Fahrradunfall war die Rede, von einem Treppensturz, Raufereien mit der Cousine und im Kindergarten.

Ein weiterer Arzt, der den herbeigerufenen Notfallhubschrauber begleitete, sah sich nicht zum ersten Mal in seiner Laufbahn mit einem potenziellen Misshandlungsfall konfrontiert. Er habe sofort bemerkt: "Da stimmt was nicht." Die Geschichten der Mutter hätten nicht zu dem Brillenhämatom, das auf eine zeitnah aufgetretene Kopfverletzung schließen lässt, gepasst. "Mir war klar: Das war kein Unfall." Auffällig seien darüber hinaus weitere Hämatome verschiedenen Alters an Beinen, Armen, Schultern, Kiefer und Rippen des Jungen gewesen.

"Ich erlebte eine nicht-authentische Betroffenheit der Angehörigen", schilderte der Arzt dem Gericht. F. und B. hätten sich nicht so verhalten, als sei völlig unerwartet etwas sehr Schreckliches passiert. "Das ist typisch für Missbrauchsfälle." Der Notarzt veranlasste, dass die Polizei verständigt wurde.

Mit dem Hubschrauber wurde der Junge schließlich in eine Tübinger Klinik gebracht. Die behandelnden Ärzte auf der Kinderintensivstation stellten Hirnblutungen und einen erheblich erhöhten Hirndruck fest, der sich nicht durch Behandlung verbessern ließ und eine Durchblutung des Gehirns verhinderte. Darüber hinaus habe das Kind am ganzen Körper massive Hämatome aufgewiesen. Bereits am Abend stellten die Ärzte den Hirntod fest, beatmeten das Kind jedoch über Nacht weiter, um es am Morgen noch einmal zu untersuchen. Am nächsten Tag wurden die lebenserhaltenden Geräte abgestellt.

Eine Ärztin sprach gegenüber den Angehörigen ihren Verdacht auf Kindesmisshandlung offen aus. F. und B. hätten darauf nicht reagiert - auch nicht mit Protest.

Der Gerichtsmediziner stellte bei der Obduktion zahlreiche Verletzungen fest. Die schwerwiegendste war ein großes Hämatom auf der rechten Scheitelseite, das auf eine massive stumpfe Gewalteinwirkung durch Faustschläge hindeute. Dieser Verletzung folgten Einblutungen ins Gehirn und eine starke Hirnschwellung, sie führte schließlich zum Tod des Kindes. Der Pathologe bestätigte, dass der Körper des Kindes mit Hämatomen unterschiedlicher Ausprägung übersät war, die ihm wohl bereits ein bis zwei Wochen vor dem Tod zugefügt wurden.

Verhandlungstermine

Terminierung Weitere Verhandlungstermine sind von der Kammer bislang angesetzt für Mittwoch, 27. April, Montag, 9. Mai, Mittwoch, 11. Mai und Montag, 30. Mai.

Uhrzeit Die Verhandlung beginnt jeweils um 9 Uhr im Landgericht Ulm (Zimmer 126 oder Zimmer 136). Im Juni folgen vermutlich weitere Termine.

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