Konzert Naturlyrik zwischen Brahms-Stücken

Der Pianist Yi Lin Jiang und der Rezitator Jürgen Wegscheider spielen sich beim Konzert des Geislinger Kulturvereins am Donnerstagabend mit hoher Könnerschaft die Bälle zu.  Foto: Markus Sontheimer
Der Pianist Yi Lin Jiang und der Rezitator Jürgen Wegscheider spielen sich beim Konzert des Geislinger Kulturvereins am Donnerstagabend mit hoher Könnerschaft die Bälle zu. Foto: Markus Sontheimer © Foto: Foto:Markus Sontheimer
Eva Heer 03.12.2016

Zu einem Konzertabend unter dem Motto „Herbstträume“ hatte der Geislinger Kulturverein am Donnerstagabend ins WMF-Kommunikationszentrum geladen. Und die Besucher bekamen zwei interessante Stunden lang die Kombination von Wort und Klang zu hören. Der Pianist Yi Lin Jiang und der Rezitator Jürgen Wegscheider spielten sich mit hoher Könnerschaft die Bälle zu und sorgten damit für spannenden und vergnüglichen Genuss.

Jung wie die Interpreten wirkten auch die Sechs Klavierstücke op. 118 von Johannes Brahms, mit denen der Pianist den Vortragsreigen eröffnete. Gleichwohl, die Kompositionen zeigten Reife und Tiefe eines 60-jährigen Meisters, denen Yi Lin Jiang nichts schuldig blieb.

In ihrer Bauform A-B-A fanden sich meist auch träumerische Passagen, überwiegend herrschte jedoch ein erzählerischer Gestus vor. Das Balladeske kam in der Wiedergabe sehr gut zur Geltung, wobei der Interpret keinen großväterlich-behäbigen Erzählton anschlug, sondern vorwärts drängte und in der Dynamik meist einen Level im oberen Bereich bevorzugte.

Zwischen den Brahms-Stücken rezitierte der Schauspieler Jürgen Wegscheider Naturlyrik. In „Die Elemente“ von Annette von Droste-Hülshoff wurden in biedermeierlicher Rhetorik Luft, Wasser, Erde und Feuer beschworen, wobei manches Kräutlein, Würmchen und Räupchen zutage trat. Wegscheiders Rezitation war gekonnt, seine Stimme gut tragend und Mimik und Gestik wirkten angemessen.

War bei Brahms das erzählerische Moment vorherrschend, so trat Franz Schubert in seinen Drei Klavierstücken D 946 auch als Kämpfer in Erscheinung. Teils wehrhaft, teils resignativ lassen die Stücke an einen zerrissenen Menschen denken, der trotz großer Meisterschaft immer noch auf der Suche ist. Mit gutem Gespür lotete Yi Lin Jiang die häufigen Stimmungswechsel aus, besorgte überzeugende Übergänge und gab seinem Ross auch mal ordentlich die Sporen, ohne dabei zu überdrehen. Vergleichbares gilt für die Polonaise-Fantasie op. 61 von Frédéric Chopin. Zunächst dauerte es einige Zeit, bis sich der typische Rhythmus des Prozessionstanzes zeigen konnte, dann jedoch kamen wunderschöne Erzählstränge zum Vorschein mit vielen klavieristi­schen Feinheiten und zartesten Stimmungsbildern.

Weitere Dichter kamen zu Wort. In „Morgenphantasie“ gedachte Friedrich Schiller auch des Lebensabends, und in „Der Traum“ von Wilhelm Busch wurde das lyrische Ich aus zunächst lieblichen Sphären in einen Albtraum versetzt. In die Gegenrichtung führte Joseph von Eichendorffs „Abend“, wo „die wilde Brust“ zu ihrem Ursprung in der Natur fand und darob glücklich – auch höchst romantisch – „aus Herzensgrund“ weinen durfte. Zwei Parabeln, Goethes „Zauberlehrling“ und Rilkes „Die Nacht“ vervollständigten den Part von Jürgen Wegscheider.

Grimmig auffahrende Anfangsakzente führten in die Sonate c-Moll op. 111 von Ludwig van Beethoven. Gemessen an der Zahl der Sätze, nämlich nur zwei, könnte man von einer Unvollendeten sprechen – aber wie vollendet ist das Werk! Beethovens Vorschrift entsprechend führte Yi Lin Jiang maestoso durch das Kolossalgemälde des ersten Satzes, um dann zu einer an ein Wunder grenzenden Arietta zu gelangen. In fünf Variationen wurde die eindringlich leise, ständig wiederkehrende Floskel Dim-dada zu einem wehmütigen Abschiedswinken, dem der Pianist eine graziöse Leichtigkeit zu geben und dabei bis zum Schluss eine unglaubliche Spannung aufrecht zu halten wusste.

Zwei jazzige Zugaben samt dem witzigen Sonett „Der Dirigent“ von Franz Werfel lösten die Spannung wieder und erzeugten großen Applaus für die Künstler.

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