Geislingen an der Steige Musikalische Glut entfacht

Dem Tenor Sebastian Hübner und dem delikat begleitenden Pianisten Kristian Nyquist gelang es in beeindruckender Weise am Donnerstagabend im WMF Kommunikationszentrum das musikalische Juwel - "Die Winterreise" von Franz Schubert - vorzustellen.
Dem Tenor Sebastian Hübner und dem delikat begleitenden Pianisten Kristian Nyquist gelang es in beeindruckender Weise am Donnerstagabend im WMF Kommunikationszentrum das musikalische Juwel - "Die Winterreise" von Franz Schubert - vorzustellen. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen an der Steige / ULRICH SCHLECHT 20.02.2016
Auf Einladung des Geislinger Kulturvereins boten Sebastian Hübner (Tenor) und der Pianist Kristian Nyquist einen herausragenden Liederabend mit dem Zyklus "Die Winterreise" von Franz Schubert.

Natur, Liebe und Tod sind die zentralen Motive der Romantik, und diese finden sich zuhauf im Schaffen des unermüdlichen Liedproduzenten Franz Schubert, der als 27-Jähriger in sein Tagebuch schrieb: "Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden". Unheilbar krank und ohne die ersehnte gesellschaftliche Anerkennung, müssen ihn die ebenfalls von Natur, Liebe und Tod berichtenden Gedichte von Wilhelm Müller, die dieser unter dem Titel "Die Winterreise" herausgegeben hatte, sehr persönlich angesprochen haben.

Hier wird die menschliche Gefühlsskala in Richtung Einsamkeit, Trauer und Verzweiflung extrem weit und tief durchmessen, und in Schuberts Vertonung glimmt in jeder Strophe, ja in jedem Vers eine musikalische Glut, die es zu entfachen gilt. Dem Tenor Sebastian Hübner und dem delikat begleitenden Pianisten Kristian Nyquist gelang das in beeindruckender Weise, als sie am Donnerstagabend im WMF Kommunikationszentrum dieses musikalische Juwel vorstellten. Die erfreulich zahlreich erschienenen Zuhörer wurden regelrecht mitgezogen auf diese ungewöhnliche Reise.

Sebastian Hübner, als Oratoriensänger in Geislingen längst wohlbekannt und geschätzt, eröffnete den Zyklus, indem er wie von fernher die Abwärtsbewegung des "Fremd bin ich eingezogen" erklingen ließ. Solche verhaltenen, introvertierten Passagen lagen seiner kopfhellen Stimme besonders, und eine ausgezeichnete Artikulation sorgte für gute Textverständlichkeit. Kristian Nyquist lieferte dazu die passende Begleitung auf seinem Instrument, dem Nachbau eines Wiener Hammerflügels von 1814, dessen Klang obertöniger, leiser, weniger voluminös ist als die modernen Stahlrahmen-Flügel, gleichwohl aber sehr gesanglich wirkt.

Im Folgenden gab Hübner seine neutrale Erzählhaltung auf und spürte mittels Körpereinsatz, Gestik und Mimik dem jeweiligen Gesangstext intensiv nach. Dieser freilich bot selten Eindeutiges. Schien sich einmal eine fröhlichere Stimmung ("Ich träumte von bunten Blumen") einzustellen, so wurde sie umgehend als bloße Träumerei, als Sinnestäuschung entlarvt - denn es waren Eisblumen am Fenster. Auch wenn der berühmte Lindenbaum rauschte, "du fändest Ruhe dort", durfte im Subtext zugleich das Grab und die ewige Ruhe mitgedacht werden. Und wenn nicht Schubert, so hat gewiss Wilhelm Müller die politische Situation des Vormärz und den schlafmützigen deutschen Michel im Blick, wenn er seufzt, "es schlafen die Menschen in ihren Betten was will ich unter den Schläfern säumen?"

Nach den vom Sänger erinnerten vielgestaltigen Wegstationen führte ein Wegweiser schließlich ins durch Tonrepetitionen gekennzeichnete Nirgendwo, fahle Nebensonnen hatten den Wanderer irritiert, und es kam, mit seiner knarzenden Drehleier, ein alter Musikant, der zum letzten Begleiter werden sollte. Diese mit den leeren Quinten unter die Haut gehende Szenerie wurde von Sebastian Hübner - nun wieder wie am Beginn ganz zurückgenommen, in fast erstarrt wirkendem mezza voce - und Kristian Nyquist - mit fein differenzierendem Anschlag - zu einem eindringlichen Abschluss ihres stark applaudierten Vortrages gestaltet.

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