Konzert „Musikalische Drecksarbeit“ in der Rätsche

Das Ensemble „Strom & Wasser“, das immer wieder in unterschiedlicher Besetzung auftritt, sieht sich als eine Art schnelle musikalische Eingreiftruppe.
Das Ensemble „Strom & Wasser“, das immer wieder in unterschiedlicher Besetzung auftritt, sieht sich als eine Art schnelle musikalische Eingreiftruppe. © Foto: Konstantin Heidemann
Geislingen / Konstantin Heidemann 16.01.2018
Die Geislinger Rätsche feiert mit „Strom & Wasser“ ihren Beitritt zum „Büro für Offensivkultur“.

Politischen Bühnenzauber präsentierte die wohl ungewöhnlichste Liedermacher-Formation Deutschlands am Samstagabend in der fast voll besetzten Geislinger Rätsche. „Strom & Wasser“ um Bandleader Heinz Ratz sieht sich als eine Art schnelle musikalische Eingreiftruppe, die sich seit über einem Jahrzehnt überall dort einmischt, wo Menschenrechtsverletzungen angeprangert und braune Strukturen bloßgestellt werden müssen (wir haben berichtet).

Nach Geislingen kamen „Strom & Wasser“ anlässlich des Beitritts der Rätsche zum Büro für Offensivkultur (BOK), ein pazifistisches, antifaschistisches Netzwerk aus Künstlern, Veranstaltern und lokalen Vereinen. Ratz, der außer Frontman auch Sänger, Bassist und Songschreiber der Band ist, begeisterte mit einer ultra-schrägen Programmmischung aus unterschiedlichen schwungvollen Rhythmen wie Ska, Polka, Tango, Walzer und Rock. Es waren Stücke aus dem jüngsten Album der Band, „Herzwäsche“, und die Musiker mixten sie mit  irrwitzigen, nachdenklich machenden Texten und urkomischen Kabarett-Einlagen.

Noch bevor der erste Ton erklingt, stellen die Musiker aus dem hohen Norden unmissverständlich klar, dass sie eine „politisch kritische Band“ seien – und beginnen mit mit einem Gagger-Song. Die Art, wie Ratz die Hühner imitiert, aktiviert sofort die Lachmuskeln des Publikums und sorgt von vornherein für gute Stimmung.

Nach einem weiteren Stück, einem Walzer mit dem Titel „Es spielt keine Rolle“, geht es um eine lesbische Diva. Dazu erklärt Ratz: „Wir missbrauchen die Musikkultur um unsere Botschaften zu verbreiten – eigentlich machen wir die musikalische Drecksarbeit.“ Das nächste Stück ist eine Zungenbrecher-Version der Nationalhymne.

Auf den Ska-Song „Harte Zeiten“ und das Reggae-Stück „Revolutionär“ macht zum „Ikarus“-Song ein großer Spendenstiefel die Saalrunde. So kommen schlussendlich über 800 Euro für das BOK zusammen.

In einer Musikmischung aus Kraftwerk und Reinhard Mey lassen die Ausnahmekünstler den musikalischen Tiger mit dem Titel „Das Raubtier hat die Zähne geputzt“ auf die gut eingestimmten Gäste los und legen ein sehr rhythmus-starkes Drumsolo obendrauf. Verschiedene Songs kreisen auch um liebevolle Gefühle oder zeigen die Verletzlichkeit der Flüchtlinge und Obdachlosen in unserer Gesellschaft.

Vor allem die klare Abgrenzung von Rassismus steht bei „Strom & Wasser“ im Vordergrund. Ratz erzählt immer direkt und ehrlich von Dingen, die ihn beschäftigen. Egal ob er von den Chaos-Aktionen beim G-20-Gipfel im Hamburger Schanzenviertel oder von brennenden Flüchtlingsheimen, von rechter Gewalt oder von Umweltdelikten berichtet – sein Humor kommt ihm nie abhanden.

Mit „Randfigurenkabinett“, ein Walzer-Rock, eine Art Selbstbeschreibung der Band, und „Anticool“ aus einem früheren Album der Gruppe endet ein brillantes Konzert nach knapp drei Stunden.