Albershausen Mundartautor Bernd Merkle wird 70 Jahre alt

Feiert heute Geburtstag und hat ein neues Buch geschrieben: der Mundartdichter Bernd Merkle aus Albershausen.
Feiert heute Geburtstag und hat ein neues Buch geschrieben: der Mundartdichter Bernd Merkle aus Albershausen. © Foto: Giacinto Carlucci
Albershausen / MARCUS ZECHA 02.01.2013
Dass Humor auf Schwäbisch mehr ist als Knittelvers und derber Witz, beweist Bernd Merkle seit Jahren mit seinen Büchern. Heute wird der Sebastian-Blau-Preisträger 70 Jahre alt - und präsentiert neue Geschichten.

Einen pensionierten Schulrektor, der Gedichte schreibt, stellt man sich anders vor. Bernd Merkles Welt ist nicht der Elfenbeinturm, seine Texte haben so gar nichts Ätherisch-Akademisches an sich, sondern sind aus dem Leben gegriffen. Für einen ehemaligen Schulmeister spricht allenfalls die ovale Brille unterm längst versilberten Haar. Er sei eben "ein heller Kopf", kontert Merkle mit jener Selbstironie, die Teil seines Humors geworden ist.

Sachen gibts, die gibts gar nicht. Und wenn doch, dann kann man sie nur auf Schwäbisch treffend ausdrücken. Davon ist Bernd Merkle jedenfalls überzeugt. Zehn Bücher hat der Autor aus dem beschaulichen Albershausen seit 1985 geschrieben, das letzte mit dem Titel "Jetzd guck no!" ist eben im Silberburg-Verlag erschienen. Die meisten wurden kleine Bestseller auf dem schwierigen Markt der Mundartliteratur. In heiteren Kurzgeschichten und Gedichten schreibt und reimt Merkle seit Jahrzehnten Erlebtes, Überliefertes und Erdachtes über die Eigenheiten seiner Landsleute. Immer wieder entdeckt man in den Figuren Bekannte, Freunde - und gelegentlich sich selbst. Nur auf ausgelutschte Anekdoten aus der Schule hat der Lehrer von Beginn an bewusst verzichtet. "Zu diesem Thema ist alles gesagt - nur noch nicht von allen."

Satirisch Überhöhtes wechselt sich bei Merkle ab mit einfühlsamen, ironisch gebrochenen Gedichten, in denen die Freude an der schwäbischen Sprache und an Sprachspielereien zum Ausdruck kommt. Für beide Textsorten gilt: Es darf viel geschmunzelt werden. Etwa in der augenzwinkernden Geschichte vom harten Los des Schreibers, der, statt Texte zu dichten, von der Ehefrau zum Dichten des Wasserhahns abkommandiert wird.

Ist der arme Merkle also in Wirklichkeit ein verkannter Dichter im Flaschner-Gewand? Gar ein schwäbischer Sisyphos? Irgendwann muss er ja doch zum Schreiben gekommen sein, denn seine Bücher strotzen vor Einfällen. Oder ist am Ende alles der Wirklichkeit abgeguckt? Die Tücken beim Bedienen eines Fahrkartenautomaten? Der bewegende Dialog zweier Kleingärtner über die vielen Schnecken? Die Verirrungen im Labyrinth eines Hörfunk-Callcenters? So oder so: Die Mundarttexte sind fast durchweg vergnüglich zu lesen und zeichnen sich durch knitzen Humor, pointierten Witz sowie eine schnörkellose Sprache aus.

Dazu serviert Merkle brillante Analysen schwäbischer Kochkultur, etwa, wenn er messerscharf schließt, dass das "harde Bebbele" im Mund beim Verzehr des Sauerbratens keinesfalls Schrot sein kann, da "Sauerbroda ja et gschossa wird".

Überhaupt: Der Schwabe kennt die Tücken des Alltags und weiß damit umzugehen. Meistens trotzen Merkles aus der Ich-Perspektive erzählten Figuren dem Alltagsfrust, indem sie sich irgendwie durchwursteln. Das eigentliche Ziel ist, mit möglichst wenig körperlichem und verbalem Aufwand zu innerem Frieden und zum häuslichen Sofa zurückzukehren.

Merkle selber ist dagegen alles andere als ein fauler Stubenhocker. 1970 kam er als Lehrer an die Grund- und Hauptschule nach Zell unter Aichelberg, wo man ihn nur zwei Jahre später mit 28 Jahren zum jüngsten Schulrektor Baden-Württembergs machte. Dort, am Fuß der Schwäbischen Alb, kam Bernd Merkle zum Schreiben. Bei zahlreichen "Hocketse" rund ums Dorf erzählten die Senioren Geschichten, bei denen der Jungpädagoge "mit den Ohren schlackerte". Er brachte die Anekdoten zu Papier, bearbeitete sie - und fand zu seiner eigenen Überraschung einen Verlag. 1986 erschien sein erstes Buch mit dem Titel "So semmer hald" bei Knödler.

Mitverantwortlich für den Erfolg seiner Bücher sind die liebevoll gestalteten Illustrationen, mit denen Helga Merkle die Texte ihres Mannes gekonnt kommentiert. Hörspiele und Beiträge für SWR3 und SWR4 und Auftritte im Fernsehen machten ihn einem breiten Publikum bekannt. Am wohlsten aber fühlt er sich weiterhin bei seinen vielen Lesungen, die er Woche für Woche auf den Kleinkunst- und Mundartbühnen des Landes hält.

Auf unnachahmliche Art entdeckt Bernd Merkle den Humor im hundsgemeinen Alltag. Doch manchmal tritt bei ihm das Heitere in den Hintergrund, weicht unversehens einem nachdenklichen, fast sentimentalen Ton. Etwa in der anrührenden Geschichte "D Martha oder: Mr wird hald älder", die von der Martha Hutzenlaub handelt. Diese lebt allein "en dr Schillerstraß en Gebbenga" und ist im Lauf der Jahre ein wenig sonderbar geworden. Alle zwei Tage besucht sie ihren Hausarzt - weil dort im Wartezimmer so schöne Illustrierte liegen, die sie sich bei ihrer kargen Rente gar nicht leisten könnte. Als ihr Besuch acht Tage ausbleibt, macht sich ihr Arzt Sorgen und sucht die alte Frau auf . . . Für diese Geschichte wurde Bernd Merkle 2008 mit dem 1. Preis beim Sebastian-Blau-Wettbewerb ausgezeichnet - vor Mundart-Koryphäen wie Thomas Felder aus Reutlingen. "Das war sicher mein größter Erfolg", sagt der gebürtige Esslinger.

Andere würden den Preis vielleicht als Markstein seiner 25-jährigen Schriftsteller-Karriere bezeichnen. Aber man kann es auch kürzer sagen - Merkles maulfaulen Figuren würden fünf Worte aus zwei Buchtiteln ihres Autors genügen: "Jetzd guck no . . . Sacha gibts!"

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