Landkreis Göppingen MS: Krankheit mit 1000 Gesichtern

Landkreis Göppingen / CLAUDIA BURST 28.11.2012
Seit Anfang des Jahres fallen manche Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, durchs Raster: Das Landratsamt hat ihnen den Zuschuss für Fahrten mit dem Sozialbeförderungsdienst gestrichen.

Viermal pro Monat konnten sie bis Ende vergangenen Jahres ihre Freiheit genießen. Viermal pro Monat bezahlte ihnen das Landratsamt in Göppingen eine Fahrt mit dem "Sozialbeförderungsdienst für Schwerbehinderte". Die Rede ist von Menschen, die an multipler Sklerose (MS) erkrankt und deswegen auf den Rollstuhl angewiesen sind. Durch diese Kostenerstattung war es ihnen möglich, ins Kino zu gehen, Freunde zu besuchen oder an den Treffen oder "Stammtischen" der AMSEL-Kontaktgruppe des Landkreises Göppingen teilzunehmen - kurz: etwas Normalität in ihr Leben zu bringen.

"Jetzt jedoch ", betonen die beiden Gruppenleiter Udo Gaus und Andrea Schöne, "fallen manche unserer Mitglieder durchs Raster". Sie erklären das Dilemma: "Bis Ende vergangenen Jahres war nur das Einkommen - meist die sehr geringe Behinderten-Rente - ausschlaggebend dafür, ob jemand vom Landratsamt unterstützt wurde. Seit diesem Jahr wird jedoch das gesamte Barvermögen angerechnet. Das heißt: Jeder, der für einen Notfall gespart und mindestens 10 000 Euro auf der hohen Kante hat, bekommt die Fahrten mit den Mobilen Sozialen Diensten wie DRK, Malteser, AWO oder dem Sozialen Friedensdienst jetzt nicht mehr ersetzt."

Manche der MS-Kranken haben jedoch das Geld für den Fall angespart, dass sie irgendwann in ein Pflegeheim müssen oder spezielle Pflegegeräte brauchen, die die Krankenkasse nicht zahlt. Sie können es sich nicht leisten, diese "Sicherheit" für Fahrten im Alltag auszugeben. "Also igeln sich viele zu Hause ein und kommen kaum mehr raus", schildert der langjährige Gruppenleiter. Der 54-Jährige ist selbst seit 39 Jahren von der Krankheit betroffen, sitzt deswegen im Rollstuhl, kann den einen Arm nicht mehr, den anderen kaum mehr bewegen. Seine Teamkollegin Andrea Schöne kann noch selbst gehen, obwohl sie ebenfalls schon vor 24 Jahren die Diagnose MS erhielt. Sie spürt andere Symptome, weniger sichtbar, trotzdem einschränkend. "MS ist die Krankheit mit den 1000 Gesichtern", sagt sie, "jeder Verlauf ist anders, die Ursache nach wie vor unbekannt".

Umso wichtiger sind für die Betroffenen die Treffen mit anderen, die dieselbe Diagnose haben. Einmal im Monat findet das Kontaktgruppentreffen in der Pizzeria in der Stauferlandhalle Salach statt, mehrmals im Jahr stehen Ausflüge an. Darüber hinaus gibt es - je nach Alter - zwei Stammtische der AMSEL: Jenen, den Udo Gaus vor 22 Jahren für damals "junge und jung gebliebene MSler" gegründet hat und den Stammtisch "U 40" für diejenigen Erkrankten, die heute jünger als 40 Jahre alt sind.

"Wir haben in diesem Jahr die Fahrten zu den Kontaktgruppentreffen für diejenigen unserer Mitglieder übernommen, die von der Gesetzesänderung betroffen wurden", berichtet Andrea Schöne, "aber auf Dauer reichen unsere Rücklagen nicht. Wir brauchen dringend die Hilfe der GZ-Leser."

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