Kulturherbst Mit schlagkräftigem Titel lockt eine Theatercollage in die Stadtbücherei

Bettina Verheyen 15.10.2016

„Aufstand – Sex – Macht – Liebe  - Tod“: Mit diesen Schlagworten haben die Theatergruppe Obere Roggenmühle und Stadtbüchereileiter Benjamin Decker  ihren „Theaterabend in Collagen“ überschrieben.  Szenen aus fünf Theaterstücken der frühen Moderne, ausgewählt von Claus Bisle und Benjamin Decker,  mischten sie in einer szenischen Lesung im Rahmen des Geislinger Kulturherbstes neu zusammen und beleuchteten so eine turbulente Epoche  der deutschen Geschichte von der Kaiserzeit bis in die Weimarer Republik.

Entstanden sind drei unterschiedliche Collagen mit den Titeln „Es braut sich etwas zusammen“, „Die Sache fliegt uns um die Ohren“ und „Ob schlimm oder gut: Alles nimmt ein Ende.“  Diese „Remixes“ verfolgen gesellschaftliche sowie persönliche und zwischenmenschliche Auf- , Um- und Zusammenbrüche vom Status Quo über  die Krise bis zum – oft bitteren – Ende.

Über allem schwebt dabei unausweichlich der  Wahnsinn des ersten Weltkriegs, der in den Collagen durch  apokalyptischen Szenen des Abschlachtens aus Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der  Menschheit“  (1915-1922) heraufbeschworen wird.

Gleichzeitig wird deutlich, dass diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts nicht zufällig über eine vermeintlich intakte Gesellschaft hereinbrach. Soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Korruption ziehen sich durch die Szenen aus: die Not der Weber in Gerhard Hauptmanns gleichnamigen Drama, ihr Aufstand und dessen Niederschlagung; das Porträt der viktorianischen Londoner Gesellschaft in Bert Brechts „Dreigroschenoper“ (1928), in der ein Mörder und Schwerverbrecher wie Mackie Messer der ehrenhafteste Charakter zu sein scheint.

Auch die Bereiche Ehe, Beziehungen und Sexualität scheinen für die Figuren aus den Fugen geraten zu sein: Die adlige Gesellschaft in „Der Schwierige,  einer Komödie von Hugo von Hofmannsthal (1921), versucht auch nach Ende des ersten Weltkriegs an einer längst untergegangenen Welt festzuhalten. Die manierierte Sprache, in der die Charaktere trotz aller Veränderungen versuchen ihre Gedanken auszudrücken und einander näherzukommen, schein unzulänglich. Die Szenen aus Arthur Schnitzlers „Reigen“  (1903) schließlich zeigen  die  sexuelle Doppelmoral der Wiener Fin de Siecle-Gesellschaft.

Miteinander verbunden wurden die einzelnen Collageteile durch die einfühlsame musikalische Umrahmung von Friedrich Kienle (Klavier) und Renate Menzel (Klarinette).