Wettkampf Mit einem PS aufs Siegertreppchen

Selbst der Wassergraben stellt Ann-Christin Leeser und ihr Pony Valinor bei der Europameisterschaft vor keine Probleme.
Selbst der Wassergraben stellt Ann-Christin Leeser und ihr Pony Valinor bei der Europameisterschaft vor keine Probleme. © Foto: Privat
Urspring / Jochen Honrdasch 14.10.2016

Gemächlich fließt die Lone talwärts. Vier Pferde grasen auf der angrenzenden Weide. Ab und zu fährt in Sichtweite ein Zug auf der Strecke Stuttgart-Ulm. Doch das ländliche Idyll am Ortsende von Urspring kommt nicht aus dem Gleichgewicht. Die Pferde fressen unbeirrt weiter, die Herde und insbesondere die kleine Stute Valinor lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Dabei steckt eine Menge Kraft und Energie in dem 13-jährigen Württemberger Pony, das regelmäßig bei Wettbewerben im Kutsche fahren zu Hochform aufläuft. Gemeinsam mit ihrer Besitzerin Ann-Christin Leeser holte sie schon viele Schleifchen und Pokale und ist bundesweit ein anerkannter und ernst zu nehmender Konkurrent.

Die Krönung der Siegertour war vor Kurzem. Bei der Jugend-Europameisterschaft im Kutsche fahren holte das Duo mit der deutschen Mannschaft Platz 1. Zwölf europäischen Mannschaften aus Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Ungarn, Italien, Luxemburg, Polen und Schweden in der Altersklasse zwischen 14 und 18 Jahren, ließen die deutschen Fahrer und Fahrerinnen hinter sich und standen schließlich ganz oben auf dem Siegertreppchen. Austragungsort des einwöchigen Trainingslagers und anschließendem fünftägigen Wettbewerb war Schildau in Sachsen östlich von Leipzig.

Die Disziplinen Dressur, Geländefahren und Kegelfahren standen auf dem Programm. Geschicklichkeit, korrektes und sauberes Fahren sowie Geschwindigkeit waren gefragt. Insbesondere im Gelände zeigten die 18-jährige Schülerin des Geislinger Helfenstein-Gymnasiums und ihr Pony mit seinem Stockmaß von 1,43 Meter, was in ihnen steckt. Im Galopp meisterten sie den Parcours, rasten durch Wassergräben, über Brücken und um Hindernisse herum, während andere Gespanne vor Erschöpfung orientierungslos und nur noch im Schritt unterwegs waren. Die Leistung zahlte sich aus. Zwar nicht in bare Münze, denn Preisgelder sind bei internationalen Turnieren im Fahrsport verpönt. Doch der oberste Tritt auf dem Siegertreppchen, ein warmer Händedruck und jede Menge Spaß, Unterhaltung, Herzlichkeit und Kollegialität war der deutschen Mannschaft gewiss.

Dass hinter diesem Erfolg eine Menge an Zeit, Mühe und Geld steckt, weiß nicht nur Ann-Christin, sondern auch ihre Eltern Elke und Christian Leeser. Bis zu acht Wochenenden im Jahr sind sie gemeinsam unterwegs, tingeln von Turnier zu Turnier. Im zehn Meter langen Wohnmobil ist genügend Platz für Stute Valinor mitsamt Kutsche und bis zu sechs Personen. Und im acht Meter langen Anhänger ist das vier auf acht Meter große Stallzelt untergebracht, Stroh und Heu sowie jede Menge Equipment.  Erst vor vier Jahren entdeckte Ann-Christin ihre Leidenschaft als Fahrerin. Bis dahin war sie zusammen mit Valinor im baden-württembergischen Landeskader und ritt Vielseitigkeit. Das Mädchen wuchs, doch die Pony-Stute behielt ihr Stockmaß von 1,43 Meter. Als Reitpferd wurde sie zu klein. Verkaufen kam nicht in Frage. Und so bekam Valinor ihren Platz vor der Kutsche. Auf dem Kutschbock saß Ann-Christin. Im Jugendfahrcamp in Dächingen, unter der Leitung von Regionaltrainer Heinz Münzenmeier, wurden die Weichen gestellt und der angehenden Fahrerin eine Menge Talent attestiert. Nach mehreren Turniersiegen ging es zum Sichtungslehrgang für den Landeskader nach Amerbuch, den Ann-Christin mit Erfolg absolvierte. Von 2013 an vertrat sie das Land Baden-Württemberg bei den deutschen Meisterschaften, bevor sie im Frühjahr 2016 in den Bundeskader wechselte und seither von Profi-Fahrer und Ex-Mannschaftsweltmeister Hansjörg Hammann aus Niederstotzingen trainiert wird.

Bei aller Begeisterung für den Fahrsport muss sich die kommende Saison 2017 den schulischen Plänen von Ann-Christin unterordnen. Denn das Abitur steht auf dem Programm. Und das hat nach den Worten der 18-Jährigen oberste Priorität.