Fassungslosigkeit, Wut und Spott: Mit diesen drei Worten lassen sich die Gefühlsregungen der Geislinger nach Bekanntwerden der neuesten Nachrichten zum Michelberg-Gymnasium wohl am besten zusammenfassen. In den sozialen Medien verlangen die einen harte Strafen für die Verantwortlichen, andere fragen ungläubig, wie bei der Generalsanierung nur so viel schief laufen konnte, und mancher zieht den Vergleich zur Dauerbaustelle des neuen Berliner Flughafens und zu Stuttgart 21.

Fassade, Decken, Brandschutz

Während Fragen zu Verantwortlichkeit, Dauer und Kosten der nun nötigen Arbeiten – sei es ein Rückbau mit erneuter Sanierung oder ein Abriss und Neubau der Schule – noch offen sind, zeigen Einblicke in das neue Gutachten ein erschütterndes Ausmaß an weiteren schwerwiegenden Versäumnissen und Mängeln. Der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer stellte der GEISLINGER ZEITUNG bei einem Ortstermin die neuen Erkenntnisse im Detail vor:

Die Fassade und der Brandschutz: Um das MiGy in ein Energie-Plus-Gebäude zu verwandeln, das nicht nur Energie spart, sondern sogar erzeugt, wurde bei der Generalsanierung zwischen 2014 und 2016 auf die gesamte Außenwand der Schule bekanntermaßen eine neue Fassade vorgebaut. Laut Baubestimmungen brauche es bei einer solchen Fassadenart auf jedem Stockwerk sogenannte Brand­riegel, die ein Übergreifen von Flammen auf weitere Stockwerke verhindern würden, erklärt Dehmer: „Diese Brandriegel gibt es hier nicht.“ Im Bereich der von unten nach oben durchgehenden Lüftungskanäle könne man dies sehen, ohne dass man die Fassade öffnen müsse. Aus diesem Grund seien die Kanäle auch kurzfristig geschlossen worden, damit sich über sie kein Rauch über die Stockwerke verbreiten könne.

Die Fassade und die Befestigung: Die vorgebaute Fassade des MiGy setzt sich unter anderem aus Lamellenfenstern zur Be- und Entlüftung, sogenannten Lucido-Elementen (Holzmodulen) und damit verklebten Glasscheiben als äußerster Schicht zusammen. Kein standardmäßiger Fassadentyp, der aber, so Dehmer, eine Zulassung erhalten habe und andernorts auch bereits verwendet wurde. Laut Zulassung seien drei bis vier Elemente, ähnlich Metallklammern, vorgeschrieben, um die Fassadenstücke am Gebäude zu befestigen. Dehmer: „Am Michelberg-Gymnasium wurden überall aber nur zwei Elemente verbaut.“ Zwar sehe man bei der Fassade nicht die Gefahr, dass sich gleich etwas lösen und herunterfallen könne, „aber es ist klar, dass man hier die Bestimmungen nicht beachtet hat und wir nicht wissen, was dies langfristig bedeutet“, sagt Dehmer.

Die Heizung in den Klassenräumen: Nach Klagen darüber, dass es in den Wintermonaten in manchen Zimmern nicht warm genug werde, schauten sich Fachleute im Februar in zwei Pilotklassenzimmern das Innenleben der Decken an (wir berichteten). Sie hätten dabei festgestellt, dass die verwendeten Deckenflächenheizungen (Dehmer: „Das ist nichts Innovatives.“) falsch verschaltet worden seien: Zu viele Heiz-Elemente hängen demnach an nur einem Zulauf fürs Heißwasser, was bedeutet, dass zu wenig Wärme in alle Elemente und schlussendlich in das ganze Klassenzimmer gelangt. Wie viele Räume betroffen seien, könne man nicht genau sagen, so Dehmer, dafür müsse man die Decken öffnen.

Der Brandschutz in den ­Decken: Die mangelhafte Brandschutzkonzeption im MiGy ist seit Mai 2018 bekannt – kleinere Umbaumaßnahmen schafften Abhilfe, zudem ist die Brandmeldeanlage der Schule seither direkt auf die Leitstelle der Feuerwehr aufgeschaltet, so dass dem weiteren Schulbetrieb nichts entgegenstand. Nun habe sich herausgestellt, dass nicht klar sei, ob sich unter den abgehängten Decken in der Schule Rauchmelder befänden – auch dafür müsse man die Decken öffnen.

Die Summe der jetzt entdeckten Mängel habe dazu geführt, dass man die Sachlage komplett neu bewerten müsse, so Dehmer. Es sei nicht wie bislang gehofft möglich, nur einzelne Teilbereiche zu ertüchtigen – damit erreiche man nicht den Standard, den man für die Schule brauche. Klar sei, so Dehmer, dass die Fassade entfernt werden müsse; dasselbe gelte für das einsturzgefährdete Dach über dem gesperrten Gebäudetrakt. Außerdem müsse man auf jeden Fall die Decken zurückbauen.

Erste Einschätzungen der Experten gingen wohl in die Richtung, dass die Grundsubstanz des Gebäudes gut sei. Dehmer hofft, dass deshalb nur ein Rückbau auf den Rohbau nötig sein wird. Der OB betont auch, dass keine Gefahr für Schüler oder Lehrer bestehe: „Wir haben die Freigabe, dass wir nach den Sommerferien den Schulbetrieb wiederaufnehmen können.“ Derzeit plane man, wie und wo man die Schule auslagern könne. Nötig seien vermutlich rund 40 Container, eventuell könnten die Mensa sowie das Sekretariat und der restliche Verwaltungsbereich in der Schule belassen und genutzt werden, meint der OB.

Dieser Artikel wurde zuerst am Samstag, 29. Juni, im ePaper und der gedruckten GEISLINGER ZEITUNG veröffentlicht.