Türkheim/Meßstetten Meßstetten folgt Türkheim

Oberstleutnant Volker Engelmann salutiert ein letztes Mal im Atombunker "Martin", bevor er den Hebel umlegt für das Aus der Luftüberwachung am Heuberg. Foto: Peter Zajontz
Oberstleutnant Volker Engelmann salutiert ein letztes Mal im Atombunker "Martin", bevor er den Hebel umlegt für das Aus der Luftüberwachung am Heuberg. Foto: Peter Zajontz
Türkheim/Meßstetten / PETER ZAJONTZ 05.10.2013
"Sweet Apple" ist nicht mehr. Der Einsatzführungsbereich 1 auf dem Meßstetter Heuberg, der 1959 in Türkheim als Fernmelderegiment 31 seinen Anfang hatte, wurde im Atombunker abgeschaltet.

Viel Prominenz war am Dienstag vor Ort, als es beim Zapfenstreich für die Luftüberwachungs-Einheit zappenduster wurde im Atomwaffen-sicheren Bunker "Martin", der mit Operationsbasis-Räumen und seiner Energiestation 5800 Quadratmeter misst und 24 Meter hoch aus massivem Stahlbeton in den Heuberg integriert wurde. Innenminister Reinhold Gall wohnte dem Zeremoniell bei, Luftwaffengeneräle, Abordnungen von Fernmelderegimentern aus Frankreich, Österreich und der Schweiz und nicht zuletzt geladene Vertreter aus Geislingen unter Ortsvorsteher Heinz Mekle aus Türkheim, wo die Geburtsstunde des einstigen Fernmelderegiments 31 war.

Am 10. September 1959 wurde die Übergabe der USAF-Radarstellung CP der US Air Force vollzogen. Die Amerikaner zogen ab, banden aber "die Radaraugen der Deutschen Luftwaffe" auf dem Gelände der ehemaligen Türkheimer Radarstation (mit Verwaltungssitz des 31. Fernmelderegiments in Ulm) in die europäische Luftraum-Überwachung der NATO mit ein. Das damalige Rufzeichen "Joplin" vom 616th ACWSq. der Amerikaner wurde in Türkheim übernommen. Mit Türkheim war die Deutsche Luftwaffe in den Tagen des Kalten Krieges in die Luftverteidigungs-Strategien Westeuropas und der USA integriert.

Mit der Fertigstellung des Atomwaffen-geschützten Bunkers Martin im Heuberg 1964 verlegte das Fernmelderegiment 31 seine Rund-um-die-Uhr-Arbeit von den Standorten Ulm und Türkheim an den neuen Garnisons-Standort samt Kasernen auf dem Geißbühl (NATO-Rufzeichen "Sweet Apple") in Meßstetten, der heute 10 300 Einwohner zählt. Das Türkheimer Radarareal bekam nochmals Bedeutung, als in den 1970er Jahren das 602nd Tactical Control Squadron der US Luftwaffe auf der Albhochfläche aufzog, um den NATO-Luftraum von West- bis Südeuropa zu überwachen. Legendär sind deren Teilnahmen an den raumgreifenden NATO-Herbstmanövern Reforger. Mit der transportablen Bubble, einer Gummiblase mit hocheffizienten Radargeräten zur flexiblen Überwachung des zivilen und militärischen Flugverkehrs, fuhren die Air- Force-Fernmelder "ins Feld". Ein reger Austausch mit gegenseitigen Besuchen der Amerikaner aus Türkheim und der Deutschen in Meßstetten setzte ein, bis die US Air Force-Einheit aus Türkheim in die USA abgezogen , die Radarstation endgültig geschlossen und das Militärgelände zwischen Aufhausen und Türkheim zum Verkauf angeboten wurde. Auch Meßstettens Bürgermeister Lothar Mennig gehen - zuletzt noch 830 - Dienstposten (in Hochzeiten 1400 Arbeitsplätze) verloren. Das Schicksal des 56 Hektar großen Geländes ist ungewiss.

Am Dienstag ereilte den Meßstetter Untertage-Atombunker dasselbe Schicksal. Der letzte Kommandeur und Standortältester, Oberstleutnant Volker Engelmann, legte gegen 12 Uhr den Hebel um, die beweglichen Lichter von Flugobjekten auf mehreren Dutzend Radar-Bildschirmen erloschen. "Ein Moment nur von volle Kraft voraus auf alle Maschinen Stopp", erläuterte er mit Wehmut, in einer Anlage, die mit riesigem finanziellen Aufwand und immensem Arbeitseinsatz für Hunderte von Jahren erbaut worden war: "Mission accomplished" (Auftrag ausgeführt).

Die kurze und letzte Ansprache aus dem Radarbunker Martin wurde in alle NATO-Control and Reporting Centers (CRC) übertragen, einschließlich Estland, Lettland und Litauen. Von den über 60 Standorten europaweit folgten Abschiedsgruß-Adressen auf dem Fuße. Die Sweet Apple Band spielte ein letztes Mal den holländischen Hit "Radar Love, no more speed..". Der Appell am Nachmittag auf dem großen Rasenplatz mit Oberstleutnant Manfred Mengis und Generalmajor Robert Löwenstein wurde durch das Donnern von drei Eurofightern und Alpha Jets des Geschwaders Neuburg in 150 Metern Höhe über dem Appellgelände erschüttert, auf dem die NATO-Windrose zusammengelegt und der Bundesadler feierlich zusammengerollt und in ein schwarzes Trauertuch gehüllt wurden.