Baum Mehr als nur eine Linde

Waldhausens Ortsvorsteher Reiner Strehle zeigt den Entwurf der Infotafel, die bei der im November gepflanzten Grenzland-Linde (im Hintergrund) aufgestellt wird. Der Entwurf stammt vom Gussenstadter Historiker Willi-Martin Jäger.
Waldhausens Ortsvorsteher Reiner Strehle zeigt den Entwurf der Infotafel, die bei der im November gepflanzten Grenzland-Linde (im Hintergrund) aufgestellt wird. Der Entwurf stammt vom Gussenstadter Historiker Willi-Martin Jäger. © Foto: Jochen Weis
Waldhausen / Jochen Weis 24.03.2017

Die Waldhausener und die Linde: Das ist eine Beziehung, die tief geht. Der Name dieses Baumes ist in dem Geislinger Stadtbezirk allgegenwärtig. Im Süden des Ortes verläuft die Lindenstraße. Fährt man von dort weiter nach Schalkstetten, kommt man durch eine Senke, die den Namen „Lindelesteich“ trägt. Dort steht seit 2005 auch die „Schalkstetter Linde“, ein Geschenk der Schalkstetter an den Waldhausener Gesangsverein zu dessen 125. Jubiläum. Und im Dorfwappen sind vier stilisierte Blätter zu sehen, die – wie sollte es anders sein – vier Lindenblätter respektive vier Linden darstellen.

Das Wappen selbst hat einen historischen Hintergrund. „Das Ganze geht zurück auf die napoleonische Zeit“, erklärt Ortsvorsteher Reiner Strehle, „damals wurde in jeder Himmelsrichtung etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt jeweils eine Linde an der Straße gepflanzt.“ In der Summe vier Bäume, weil Alt-Waldhausen entlang eines Straßenkreuzes angelegt ist, das fast exakt in Nord-Süd- respektive Ost-West-Richtung verläuft. „Diese Linden waren für die Bauern auf den Feldern, aber auch für die Fuhrwerker wichtig als Schattenspender und zum Schutz vor Regen“, erklärt Strehle.

An dieser Stell beginnt nun die eigentliche Geschichte der „Grenzland-Linde“: Während im Norden, Westen und Süden stets eine Linde stand und steht – wenngleich an abweichenden Orten, weil die Bäume bisweilen gefällt und neu gepflanzt werden mussten – war der Osten irgendwann ohne. Bis November 2016. Wobei es zwei Zufällen zu verdanken ist, dass die Waldhausener wieder ein Ostlinde haben .

Zufall Nummer eins: Dort, wo sich bis vor einigen Jahren ein Grünmasse-Sammelplatz befand, wurzelte auch eine uralte Buche, „mindestens 250 Jahre alt, ein gewaltiger Baum, der die gesamte Landschaft geprägt hat“, erzählt Strehle. Allerdings kam im Januar 2016 das Ende der Buche, „große Teile des Baums waren abgestorben.“ Weil direkt nebenan ein Radweg verläuft, wurde die Lage immer kritischer, „da bestand latent die Gefahr, dass jemand durch abbrechende Äste verletzt wird“, sagt Strehle. Kurzum: Die Buche musste weg.

Im Gegenzug sah der Ortschaftsrat die Chance gekommen, die historische Lücke zu schließen und einige Meter weiter eine neue Ostlinde zu pflanzen. Seit November steht dort das vier Meter hohe Bäumchen, damals noch ohne den Namen „Grenzland-Linde“, den bekam es erst im Januar per Beschluss des Ortschaftsrats.

Dafür spielte Zufall Nummer zwei die entscheidende Rolle. An einem Spätsommertag vergangenen Jahres ging Strehle spazieren – und traf unweit der Linde den Gussenstadter Historiker Willi-Martin Jäger. Der hatte es sich auf einer Sitzbank bequem gemacht und genoss den Ausblick. Beide kamen ins Gespräch über die herrliche Landschaft – bis Strehle nebenbei die Bemerkung fallen ließ: „Vielleicht haben an dieser Stelle  schon die alten Römer Pause gemacht. Du weißt ja, du bist auf historischem Boden.“ Klar wusste Jäger das: Der Radweg zwischen Waldhausen und Gussenstadt verläuft in diesem Abschnitt auf einer ehemaligen Römerstraße, die nach Heidenheim führte, das alte „Aquileia“.

In diesem Moment war die Idee geboren, die Geschichte dieses Gebiets zu erforschen, in dem der Kreis Göppingen auf den Kreis Heidenheim stößt. Was Jäger in Strehles Auftrag übernahm. „Heute ist das nur eine Kreisgrenze, früher verlief dort eine Staatsgrenze“, erzählt Strehle: Bis ins 14. Jahrhundert waren beide Orte noch helfensteinisch, wechselten dann aber ihre Herren. Während Waldhausen bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs zur Freien Reichsstadt Ulm gehörte, dann zu Bayern und schließlich zu Württemberg kam, wurde Gussenstadt erst Eigentum des Klosters Anhausen, später württembergisch, dann bayrisch, für kurze Zeit ulmisch und schließlich wieder württembergisch. Erst 1810 war das Grenzland zwischen beiden Dörfern Geschichte.

Anfang Januar hatte Jäger seine Nachforschungen abgeschlossen – und trat an Strehle mit dem Vorschlag heran, die Ost-Linde angesichts der wechsvollen Geschichte des Gebiets „Grenzland-Linde“ zu nennen. Im Gegenzug schlug Strehle vor, Jägers Forschungsergebnisse auf einer Infotafel zusammen zu fassen, „um die Erinnerung an diese Grenze ohne Schlagbaum“ (Strehle) wachzuhalten. Ein Ansinnen, welchem der Ortschaftsrat ebenfalls im Januar seinen Segen erteilte. Am 16. Mai wird diese Tafel nun bei einem kleinen Festakt angebracht.

„Außerdem wird es noch zwei weitere Hinweisschilder geben“, sagt Strehle. Eins kommt an die ehemalige Molkerei, „das war früher der Dorftreff schlechthin. Die Anschlagtafel war größer als die beim Rathaus“. Beim der dritten Schild schließt sich dann der Kreis. Die kommt ebenfalls an eine Linde, genauer: die Bahnhofslinde, und soll an die Restaurierung des ehemaligen Bahnhofgebäudes im Jahr 1991 erinnern.

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