Kulturherbst Literatur zum Geist der Zeit

Margit Wirth-Vogt liest einen Brief von drei Geislinger Mädchen an Studentenführer Rudi Dutschke vor.
Margit Wirth-Vogt liest einen Brief von drei Geislinger Mädchen an Studentenführer Rudi Dutschke vor. © Foto: Alexander Jennewein
Geislingen / Von Bettina Verheyen 08.10.2018

Hochverehrter Rudi Dutschke“, Margit Wirth-Vogt vom Geislinger Literaturnetzwerk, steht am Lesepult vor knapp 50 Zuhörern im Lesecafé der Geislinger Stadtbücherei und liest einen ziemlich schmachtenden Brief an den Studentenführer vor. Geschrieben haben ihn drei Schülerinnen aus Geislingen. Sie wünschen ihm – nachdem er das Attentat auf ihn im April 1968 knapp überlebt hat –  gute Besserung, erbitten je ein Bild mit seiner Unterschrift und enden mit „Hoch lebe unser Rudi Dutschke“.

Das war der Auftakt einer sehr gelungenen Veranstaltung im Rahmen des Geislinger Kulturherbstes. Das Publikum bekam zwei Stunden lang die unterschiedlichsten Texte zu hören: geistreiche Essays trafen auf Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung, das Glaubensbekenntnis einer aufmüpfigen Theologin folgte den Überlegungen alt-ehrwürdiger Soziologen der Frankfurter Schule, Literaten aus Deutschland, Frankreich und Amerika kamen zu Wort. Der gemeinsame Nenner: Alle diese Texte hatten einen Bezug zum Geist der Zeit um 1968 – entweder sie beeinflussten, analysierten und kritisierten die Umtriebe von damals, spiegelten sie oder entstanden aus den Folgen dieser Zeit, in der alles im Wandel war.

Da hört man einen Text von eben dem „hochverehrten Rudi Dutschke“ und kann nur den Kopf schütteln über dessen abstrakte Sprache, über endlos aneinandergereihte Wortungetüme, die dem Vorleser Claus Bisle alles abverlangen.

Leichter hatte es da Benjamin Decker, der mal locker das Gedicht über die humorlosen Frösche von Erich Fried einwarf. Eine kurze und knackige Kritik an der Gesellschaft. Leichter verständlich als Dutschke kam Ulrike Meinhoff rüber, aus deren Essay „Die Würde des Menschen ist antastbar“ von 1962 zitiert wurde. Damals noch Journalistin, analysierte sie ebenso schonungslos „das System“, drückte sich dabei aber deutlich leserfreundlicher aus als der sechs Jahre jüngere Dutschke. Ein Text der „politischen Theoretikerin“ Hannah Arendt („Die Lüge der Politik“ von 1971) machte deutlich, wie ähnlich die Verhältnisse von Macht und Politik diesseits und jenseits des großen Teichs waren – Arendt schreibt darin über die Pentagon-Papers.

Ausgewählt hatte die Texte Bücherei-Leiter Benjamin Decker, der sich auch als Vorleser an der Veranstaltung beteiligte. Neben den bereits genannten Wirth-Vogt und Bisle  lasen auch Norbert Barf und Roland Funk vor.Sehr stimmig waren die Unterbrechungen durch Bernhard Brendle von der Musikschule, der zur Gitarre griff und – nachdem die Songtexte erst in deutscher Übersetzung vorgelesen worden waren – quasi den Soundtrack zu der Veranstaltung lieferte. Da erklangen natürlich der Protestsong „The times they are a-changin‘“, das Antikriegslied „Where have all the flowers gone“ von Pete Seeger und andere. An Schriftstellern standen an diesem Abend auf der Leseliste: Heinrich Böll, 1968 ein politisches Vorbild, eine öffentliche Figur, eine charismatische Persönlichkeit; Erich Fried, der bevor er mit seinen Liebesgedichten bekannt wurde, ein Hauptvertreter der politischen Lyrik in Deutschland war, unter anderem öffentlich Positionen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) vertrat und deshalb in bestimmten Kreisen als „Stören-Fried“ angesehen wurde; Hermann Hesse, Anna Segehrs und Siegfried Lenz. Nicht fehlen durfte auch Jean-Paul Sartre, Philosoph und Schriftsteller und jedenfalls einer der einflussreichsten Intellektuellen der Zeit.

Texte von Feministinnen waren ebenso ins Programm aufgenommen worden wie eine Polemik aus der Zeitschrift „anarcho-info“ von 1970, die sich gegen Mode-Linke richtet. Den Geislinger Kulturschaffenden war eine abwechslungsreiche Zeitreise gelungen, von der die Zuhörer nur zögerlich wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrten.

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