Geislingen an der Steige Lieder und Texte erzählen das Leben der jüdischen Mutter

Geislingen an der Steige / BETTINA VERHEYEN 15.02.2016
In den Veranstaltungsreigen, der sich um die "Stolperschwellen"-Verlegung in Geislingen rankt, reiht sich im März ein ganz besonderes Konzert in der Rätsche ein - als Hommage an eine Holocaust-Überlebende.

Unterstützt von dem Bariton Motti Kastón, dem Pianisten Götz Payer und von Franziska Walser, Ensemblemitglied des Schauspiels Stuttgart, tritt Helene Schneiderman im März mit ihrem Programm "Ich sang um mein Leben" in der Geislinger Rätsche auf. Es ist eine Hommage an ihre Mutter, die im Alter von 15 Jahren nach Auschwitz deportiert wurde und durch viele glückliche Zufälle überlebte - nicht zuletzt durch die Kraft, die sie aus dem Singen schöpfte.

Bei ihrem Liederabend nimmt Helene Schneiderman ihre Zuhörer mit jiddischen, sephardischen, deutschen, italienischen und amerikanischen Liedern mit auf eine Reise durch die musikalischen Kulturen, die der Lebensweg ihrer Mutter durchlaufen hat. Franziska Walser liest aus der Autobiografie Judith Schneidermans "Ich sang um mein Leben - Erinnerungen an Rachov, Auschwitz und den Neubeginn in Amerika". Das Programm in derselben Besetzung sorgte vor zwei Jahren am Stuttgarter Schauspielhaus für einen Riesenerfolg.

Der Posaunist Martin Hueber, Orchestermitglied an der Oper Stuttgart und Wahl-Geislinger, bemüht sich seit Jahren, die unterschiedlichsten Musiker-Kollegen zu Auftritten nach Geislingen zu locken. Mit Erfolg: Seine Konzertreihe "Kultur im Gewölbe" in der Geislinger Bahnhofstraße hat mittlerweile eine treue Anhängerschaft. Und sein Posaunengipfel - das Abschlusskonzert für die Aktion der Geislinger Zeitung im Jahr 2013, für das Hueber das Posaunenquintett des SWR Stuttgart und die Jazz-Posaunengruppe "Longhorns" in der Rätsche zusammenbrachte, wurde ebenfalls sehr gut angenommen.

Nun also Helene Schneiderman. Den Aufhänger für ein Gastspiel in Geislingen fanden Martin Hueber und Brigitte Aurbach von der Rätsche in der Tatsache, dass Helene Schneiderman eben auch jüdische Lieder interpretiert und mit ihrem Lieder-Abend "Ich sang um mein Leben" die Geislinger Veranstaltungsreihe zur "Stolperschwellen"-Verlegung schmücken wird.

Beim Konzert wird Franziska Walser, Grimme-Preisträgerin und eine der renommiertesten deutschen Bühnen- und Filmschauspielerinnen, aus Judith Schneidermans Biografie lesen. Die geborene Rosenberg schildert darin, wie sie in einer jüdischen Großfamilie als eines von acht Kindern in einem kleinen Dorf in der heutigen Ukraine aufwuchs. Im März 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht diese Region. Judith wird als 15-Jährige mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Sie und vier ihrer Geschwister überleben den Holocaust, ihre Eltern hat sie nicht mehr gesehen.

Nach dem Kriegsende verbringt sie zwei Jahre in einem "Displaced Persons"-Lager bei Landsberg am Lech, lernt dort Paul Schneiderman kennen und wandert mit ihm 1948 in die USA aus. Das Paar bekommt vier Kinder. Das dritte - Helene - lebt den unerfüllten Traum ihrer Mutter aus und wird Sängerin.

Die Lieder ihres Konzertes hat Helene Schneiderman passend zu besonderen Situationen oder Stimmungen aus der Biografie der Mutter ausgesucht. Im Interview für das Programmheft zu der Stuttgarter Aufführung sagt sie: "Uns war bei der Konzeption dieses Abends ganz wichtig, dass es kein Konzert im herkömmlichen Sinne mit standardisierter Abfolge von Musiknummer, Rezitation und Applaus wird. Am besten wäre es, wenn das Publikum vergisst, zwischendurch klatschen zu wollen, weil Musik und Text so fließend ineinander übergehen und zusammen die Lebensgeschichte meiner Mutter erzählen."

Info Das Konzert findet am Sonntag, 13. März, dem Abend der Landtagswahl, in der Geislinger Rätsche statt und beginnt um 19.30 Uhr. Karten im Vorverkauf gibt es bei der Geislinger Zeitung und über die Homepage der Rätsche.

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