wahlkreis:Geislingen (11) LEITARTIKEL: Lieber weniger Kraftmeierei im Wahlkampf

Geislingen. / Jochen Weis 19.02.2016
"Die Kandidaten der im Landtag vertreten Parteien duellierten sich da zwar mit viel Wortwitz und Esprit, vor irgendwelchen Giftpfeilen musste aber niemand in Deckung gehen", schreibt unser Redakteur Jochen Weis - und kann dem viel abgewinnen.

Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Herbert Wehner, Willy Brandt oder Rainer Barzel: Alle diese Politiker haben sich einen legendären Ruf durch ihre verbalen Scharmützel in Wahlkampfzeiten erarbeitet. Traten die ans Mikrofon, wusste man: Nun knistert’s. Und heutzutage? In Baden-Württemberg läuft der Wahlkampf auf Hochtouren. Doch wer das Wahlforum der GZ besucht hatte, dem fiel auf: Die Kandidaten der im Landtag vertreten Parteien duellierten sich da zwar mit viel Wortwitz und Esprit, vor irgendwelchen Giftpfeilen musste aber niemand in Deckung gehen. Stellt sich also die Frage: Ist Politik so langweilig, so unspektakulär, so nichtssagend geworden, dass auch die Politiker nicht mehr viel zu sagen haben?

Die Antwort: keinesfalls. Wer genau hingehört hat, dem ist klar: Politik hat schon lange nichts mehr mit ideologischen Grabenkämpfen zu tun, sondern definiert sich in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft durch die Wirklichkeit selbst. Wer nicht weiß, was denn nun gemeint sein soll, der braucht sich nur mal auf der B 10 in den Berufsverkehr zwischen Geislingen und Süßen zu begeben, das ist eine zeitfüllende Tätigkeit. Oder der muss sich nur mal das Ziel setzen, binnen einer knappen Dreiviertelstunde mit dem Bus von Böhmenkirch nach Hohenstadt zu kommen. Da lernt man, was Scheitern bedeutet. Genau das sind zwei jener Realitäten, mit denen es die Landtagskandidaten parteiübergreifend im Wahlkreis Geislingen zu tun haben und die letztlich ihr politisches Tun und Handeln bestimmen. Was also bringt es da, mit verbaler Kraftmeierei aufeinander loszugehen? Nichts. Sachliche Diskussion ist da hilfreicher. Polemik ist das Ding der Extremen, die sich durch lautes Heulen Gehör verschaffen, die Europa-, Bundes- und Landespolitik in einen Topf werfen und daraus ihr krudes ideologisches Süppchen kochen.

Nun ist die Frage berechtigt: Was bringt es da noch, eine bestimmte Partei zu wählen? Es ist ja scheinbar egal, von welcher Seite man die Wurst anschneidet. Da hat das viel kritisierte Landeswahlrecht den Vorteil, dass es stark personalisert ist. Ich, der Wähler, schaue mir den Kandidaten aus, durch den ich mich gut vertreten fühle. Schließlich sind im Landtag die Repräsentanten aus 70 Wahlkreisen vertreten – und mit ihnen 69 weitere Realitäten, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Genau für diese Konsensfindung sind dann die demokratischen Volksparteien da, die seit Ende der ideologischen Grundsatzdebatten allesamt in der Lage sein sollten, Lösungen in Koalitionen zu finden.

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