Neuer Bildungsplan Lehrpläne passen sich an gesellschaftliche Entwicklung an

Geislingen an der Steige / Angelina Neuwirth 05.11.2016

Was legen Bildungspläne eigentlich fest? Sind sie Richtlinien oder nur Denkanstöße? Das sind Fragen, die Schüler nicht aus dem Stegreif beantworten können, denn die wenigsten haben tatsächlich eine Ahnung, wie sich ein Bildungsplan zusammensetzt.

„In Baden-Württemberg gibt es zwei Arten von Bildungsplänen“, erklärt Heiner Sämann, Schulleiter des Michelberg-Gymnasiums. „Der eine gilt für das Gymnasium, der andere für alle anderen weiterführenden Schultypen, also die Gemeinschaftsschule, die Werkrealschule und die Realschule.“ Die Bildungspläne geben vor, welcher Stoff unterrichtet wird, sagt der Schulleiter und betont, dass es in gewissen Fächern jedoch auch Schwerpunktbildungen gäbe.

In diesem Schuljahr ist in Baden-Württemberg ein neuer Bildungsplan eingeführt worden, der momentan aber nur in den Klassen 5 und 6 unterrichtet wird. Ungewöhnlich sei das nicht. Es werde immer von unten aufgebaut, erzählt Sämann. „Der entscheidende Vorteil bei diesem neuen Bildungsplan ist das Mitspracherecht der Fachschaften, Experten und Verbände. Die Organisation war zu jeder Zeit transparent und wir wurden am Ende nicht einfach nur mit dem fertigen Produkt konfrontiert“, lobt der MiGy-Schulleiter. Aber ab welchem Zeitpunkt ist ein neuer Bildungsplan nötig? Der Schulleiter erklärt, dass die Bildungspläne immer von der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung abhängen. Vieles ändere sich oft nicht, das kompetenzorientierte Unterrichten beispielsweise bliebe erhalten.

Wie praktikabel der neue Bildungsplan ist, lasse sich allerdings noch nicht sagen, betont Sämann. „Seit diesem Schuljahr gibt es auch einige neue Fächer und einen neuen Fächerverband, der momentan an allen weiterführenden Schulen der einzige ist.“ BNT bestehe aus Biologie, Natur und Technik und soll die Schüler an die Naturwissenschaften heranführen, und sie auf die Fächer Chemie und Physik vorbereiten. Auch Wirtschaft und Medienbildung spielen jetzt eine stärkere Rolle, daher müsse der Stundenplan so angepasst werden, dass die Schüler nicht mehr Schulstunden haben. Ingrid Schiller-Grenz aus Uhingen, die am MiGy Religion unterrichtet, begrüßt die Neuerungen: „Ein neuer Bildungsplan dient dazu, Kinder und Jugendliche für die Moderne zu rüsten.“ Ihrer Meinung nach ist ein Bildungsplan notwendig, da er den Lehrern als Gerüst dient und Schüler davor schützt, den gleichen Stoff mehrmals unterrichtet zu bekommen – und anderen Stoff im Gegenzug überhaupt nicht. Wie man lehrt, sei aber die Freiheit des Lehrers. Die Religionslehrerin sieht den Bildungsplan als Gerüst, erzählt sie, aber es sei an ihr „den Unterricht mit Leben zu füllen“.

Ihr mache es Spaß, mit solchen Vorgaben zu arbeiten, und ihre Unterrichtsstunden neu zu gestalten. „Auch nach 30 Jahren im Dienst bin ich gern Lehrerin“, sagt sie. Einer der vielen Vorteile des erweiterten Bildungsplans sei auch, dass es nicht mehr um das Fachwissen des Schülers gehe, sondern um Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenzen und Teamfähigkeit, findet Schiller-Grenz. Auch der Unterrichtsablauf an sich habe sich verändert. „Früher gab der Bildungsplan, den man damals noch Lehrplan nannte, die Durchführung des Unterrichts sehr genau vor, heute stellt die Fachschaft aus vielen Einzelbausteinen die Unterrichtseinheiten zusammen“, erklärt sie. Im Gegensatz zu Lehrern nehmen Schüler so etwas meist weniger wahr. Als Schüler der Unterstufe stellt man den Unterrichtsstoff selten in Frage, doch mit wachsendem Alter entwickeln viele eine eigenständige Meinung und Kritikbewusstsein.

Die 17-jährige Kim Öhler aus Geislingen betrachtet den Bildungsplan mit einer gesunden Portion Skepsis. „Mal abgesehen davon, dass sich die Mehrzahl der Schüler täglich über Bildungspläne entrüstet, empfinde ich sie als absolut nötig. „Wie könnte man sonst den landes- oder sogar bundesweiten Bildungsstandard garantieren?“, fragt sie. Das Problem sieht sie darin, dass Bildungspläne keine kompetenten Lehrkräfte ersetzen könnten. Manchmal scheine es, als würden Lehrer die Unterrichtsvorgaben konsequent ignorieren. „Uns Schülern fällt das aber oft nicht auf, bis wir dann in der Oberstufe Lehrer von einer anderen Schule bekommen, die uns raten aufgrund von Bildungslücken kein mündliches Abitur in gewissen Fächern zu machen“, kritisiert Kim.

Die wirklich guten Lehrer aber könnten viel aus der Freiheit machen, die ihnen der Bildungsplan lässt. Grundvoraussetzung sei, meint Kim, dass am Ende ein möglichst einheitlicher Standard für einheitliche Prüfungen erreicht wird.

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