Geislingen / Ruben Wolff Wann ist eine Bildbearbeitung noch Kunst? Diese Frage stellt sich der Philosoph Anton Schmitt, der an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen unterrichtet.

Wenn in den frühen Morgenstunden der erste Sonnenschein auf den Ödenturm fällt, freuen sich wohl viele Geislinger über dieses Naturschauspiel. Manch einem Fotografen reicht das aber nicht. Er fotografiert den Moment und bearbeitet sein Bild. Er holt Farben stärker heraus und überzeichnet eine schöne Szenerie so stark, dass sie wie aus einem Fantasyfilm wirkt.

Schmitt: Kunst will hinterfragen

Will der Fotograf damit die gewohnte Wirklichkeit neu deuten – oder missachtet er diese vielmehr? Über solche Fragen denkt der Philosoph Anton Schmitt nach, der an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen unterrichtet. Er ist skeptisch, ob eine starke Bildbearbeitung wirklich künstlerischen Wert hat: „Kunst will unsere alltägliche Wahrnehmung hinterfragen. Sie will unterscheiden zwischen einer gewohnten und einer neuartigen Sichtweise, und sie macht diesen Unterschied stark“, sagt Schmitt.

Neue Techniken, neue Ideen

Wahrscheinlich haben Fotografen schon immer ihre Bilder bearbeitet und im Zeitalter der Digitalisierung dank der neuen Techniken umso mehr, mutmaßt der Philosoph. Tatsächlich könne ein Fotograf einer Landschaft eine neue Tiefe schenken, wenn er sein Foto bearbeitet. Wenn ein Bild jedoch zu stark überzeichnet werde, sei dem Fotografen der Erlebnis-Charakter wichtiger als die Wirklichkeit, urteilt Schmitt. Insofern sei das genauso wenig künstlerisch wie unsere Träume.

Bedeutung ist wirklicher als das Sichtbare

„Für Menschen ist nicht nur das wirklich, was sich visuell ablichten lässt“, sagt der Philosoph. „Wir fragen uns, was das Erblickte bedeutet und ob sich noch etwas dahinter befindet.“ Tatsächlich gehe es uns also gar nicht so sehr um den sichtbaren Gegenstand, sondern um seine Bedeutung. Der Fotograf, der dagegen sein Bild zu stark verfremde, missachtet die ursprüngliche Bedeutung seines Fotomotivs und mache dagegen seinen Gegenstand zum Fetisch.

Man selbst ist wichtiger als sein Poträtfoto

Am deutlichsten geschehe dies bei stark überarbeiteten Porträtfotos, erklärt Schmitt. „Wenn jemand ein Bild von sich so sehr verschönert, dass er quasi selbst nicht mehr darauf zu erkennen ist, dann ist ihm die Anerkennung des verfremdeten Bildes wichtiger als er sich selbst.“

Der Mensch sollte sich wertschätzen so wie er ist, und keine Version von sich abliefern, nur um mehr Bewunderung zu bekommen – oder „Likes“ im Internet.

In der heutigen Ausgabe der GEISLINGER ZEITUNG findet ihr eine Sonderseite zum Thema Fotografie (20. Februar).

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