Bildung Kulturerbe in vielen Variationen

Die 80 Senior-Studenten verfolgen aufmerksam die Begrüßung und die einleitenden Worte durch Hochschulrektor Andreas Frey. Danach hielt  Professor Dr. Markus Tauschek seinen Vortrag. Nachmittags ging es bei Udo Goldmann ums Singen.
Die 80 Senior-Studenten verfolgen aufmerksam die Begrüßung und die einleitenden Worte durch Hochschulrektor Andreas Frey. Danach hielt Professor Dr. Markus Tauschek seinen Vortrag. Nachmittags ging es bei Udo Goldmann ums Singen. © Foto: Claudia Burst
Geislingen / Claudia Burst 27.02.2018
Was ist Kulturerbe, wie entsteht es, welche Auswirkungen hat es? Das ist das Thema der Hochschule 50 plus des Stadtseniorenrates und der HfWU.

Der Hörsaal in der HfWU, der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen, ist proppenvoll. Mit Studenten. Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen. Ungewöhnlich ist aber deren Alter – sie sind alle über 50.

Seit Montag läuft die neunte Auflage der Hochschule 50 plus des Stadtseniorenrates und der HfWU. Das Thema in diesem Jahr lautet „Weltkultur: Erbe für kommende Generationen.“  Nach der Begrüßung der etwas älteren  Kommilitonen durch Rektor Professor Dr. Andreas Frey, Oberbürgermeister Frank Dehmer und Wolfgang Kehrer, dem Vorsitzenden des Stadtseniorenrates, war es Professor Dr. Markus Tauschek von der Universität Freiburg, der in einem ersten Schritt die Entstehung des Begriffes Weltkultur­erbe erläuterte, bevor er dessen Entwicklung kritisch hinterfragte.

Seit den 90er Jahren gebe es einen „Erbe-Boom“, sagte Tauschek, die Unesco zeichne vom Weltdokumentenerbe über Unterwassererbe bis zum immateriellen Erbe alles aus.

Die ersten Bestrebungen, Denkmäler zu schützen, entwickelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts. Innerhalb der nächsten 60 Jahre setzte sich die Denkmalpflege in ganz Europa durch. Als im Zuge der Industrialisierung die Städte immer größer wurden und ganze Stadtteile für Modernisierung abgerissen wurden, „verschwand damit das Alte und Identitätsstiftende. Immer mehr Menschen forderten den Schutz der Bauwerke“, machte der Professor deutlich. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs explodierte dieser Schutzgedanke – Mitgrund für die Gründung der Unesco, deren Schwerpunkte jedoch in Forschung und Bildung lagen. Erst ab 1972 entstand die Idee zum Weltkulturerbe.

„Inzwischen rückt das Alter der Weltkulturerbe-Stätten immer näher an die Gegenwart heran“, informierte Tauschek weiter. Der Status solcher ausgezeichneter Städte und Gebäude verändere sich. „Sie sind politische Ressource, Sprengstoff in Krisenzeiten und wirtschaftliche Ressourcen für ökonomischen Profit, etwa in Bezug auf Tourismus“, sagte er. Noch kritischer zu betrachten sei das immaterielle Kulturerbe, das es seit 2003 gebe. „Wie soll man denn lebendige Kultur schützen?“, fragte Tauscheck, sie entwickle sich ja immer weiter. „Populäre Kultur lebt vom Austausch.“ Durch eine Auszeichnung zum immateriellen Kulturerbe müsse traditionelle Kultur plötzlich gemanagt werden. „Dadurch wird sie formatiert und reglementiert, sie kann nicht mehr dynamisch und lebendig bleiben.“

Tauschek erhielt nach seinen lebendigen Ausführungen von den Studenten viel Beifall. Sie nutzten die Zeit bis zum Mittagessen, um noch einige Fragen zum Thema zu stellen.

Am Nachmittag ging es bei Udo Goldmann, dem Präsident des Dachverbands der Laienchöre im Landkreis Esslingen, um ein Kulturerbe-Detail: die Gesangvereine als Teil des deutschen Vereinswesens, das immaterielles Kulturerbe ist. Goldmann schilderte, wie und warum es zur Gründung der ersten Gesangvereine in Deutschland kam. „Die Sänger waren in einer Zeit der Kleinstaaterei Teil einer gemeinsamen Kultur-Nation.“

Die Probleme vieler Gesangvereine heute seien vielfältiger Natur. Um attraktiv zu bleiben, seien mehrere Schritte notwendig: etwa mehrköpfige Gremien zu bilden, die Kommunikation übers Internet zu führen oder professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Wichtig sei es auch, die richtige Literatur für die jeweiligen stimmlichen Möglichkeiten zu finden.

Goldmann kritisierte, dass Chormusik in der Landespolitik nicht ordentlich gewürdigt werde. „Ohne Vereine wäre es still in den Kommunen“, machte er klar.

Mit Hörbeispielen ging Udo Goldmann auf die musikalischen Veränderungen der Chöre seit der Ära der Männerchöre ein. „Moderne Chöre singen meist englisch, sie bewegen sich und sie brauchen eine Begleitband“, beschrieb er.

„Den einzig richtigen Weg zwischen Tradition und Moderne gibt es nicht. Hier muss jeder seinen Weg finden“, mit diesen Worten schloss der Dozent nach einer Stunde seinen Vortrag. Heute geht es weiter.