Neue Serie Kultur in Großvieh-Schlachthalle

Die Rätsche-Macher: Ewald Fischer, Brigitte Aurbach, Jürgen Obst (von links) auf der Galerie. Man erkennt das Schienensystem des Schlachthofs, an dem heute Scheinwerfer hängen.
Die Rätsche-Macher: Ewald Fischer, Brigitte Aurbach, Jürgen Obst (von links) auf der Galerie. Man erkennt das Schienensystem des Schlachthofs, an dem heute Scheinwerfer hängen. © Foto: Claudia Burst
Claudia Burst 18.08.2018

Nein Heute ist vom „Nicht-Flair“ eines Schlachthofs im Kulturzentrum Rätschenmühle nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: „Bei euch ist es so schön, so eine nette Atmosphäre, so was ham wir bei uns net“ – an dieses Kompliment von Besuchern aus Ingolstadt erinnert sich Brigitte Aurbach noch heute. Sehr oft sei es gerade die Atmosphäre in der Rätsche, die von Gästen gelobt werde, sagt die Rätsche-Vorsitzende.

Dabei befindet sich die Bühne des Veranstaltungsraums dort, wo einst Tötungsbuchten auf Tiere warteten. Der Raum selber war die Großviehschlachthalle, das heutige Event-Lokal „Filou“ der Bereich fürs Kleinvieh. „Und das Kassenhäusle haben wir gar nicht verändert, das war schon im Schlachthof der Zahlbereich“, erläutert Ewald Fischer grinsend.

„Als ich mir das Gebäude das erste Mal anschaute, um einzuschätzen, ob es als Kulturzentrum taugt, stand noch ein Container voller Knochen rum. Es stank entsetzlich“, erinnert sich Brigitte Aurbach.

Trotzdem erkannten sie und ihre Mitstreiter das Potenzial in dem Beton-Bau aus dem Jahr 1950. Mit Unterstützung durch den damaligen OB Martin Bauch und vor allem, weil mit dem Altanhaus-Verein, dem Stadtjugendring und den Geislinger Segelfliegern drei Mitmieter für das Gelände gefunden wurden, war der Umbau finanziell möglich.

Architekt Theo Wagner habe dabei gar nicht mit Gewalt versucht, die Vergangenheit auszumerzen. Im Gegenteil: noch heute ist das Schienensystem an der Decke zu erkennen, an dem die geschlachteten Tiere von einer zur nächsten Station an Haken weitergeschoben wurden. „Daran hängt heute unsere Technik wie etwa die Scheinwerfer für die Bühne“, erzählt Jürgen Obst. Wie Ewald Fischer und Brigitte Aurbach gehört auch er zur achtköpfigen ehrenamtlichen Vorstandsriege des Rätsche-Vereins.

Es ist das spürbare Herzblut der Rätschen-Macher, das aus dem Beton-Zweckbau ein beliebtes Kulturzentrum für Geislingen zauberte.

Das war schon während der Umbauphase zu spüren. Die dauerte zwei Jahre von Mitte 1996 bis Mitte 1998. Jeden Samstag wirbelten Freiwillige aus allen vier Vereinen auf der Baustelle. „Da gab es immer gutes Essen, das Arbeiten war Gemeinschaft pur“, wissen Ewald Fischer und Brigitte Aurbach noch. Parallel zum Umbau gab es bis Juni 97 Veranstaltungen in der alten Seemühle, dem ersten Zuhause der Rätsche.

Der erste, der die neue Rätsche einweihte, war Werner Dannemann kurz vor Weihnachten 1997. Es war ein Baustellenkonzert. „Aber ohne Dannemann in der Rätsche käme, glaube ich, das Christkind nicht. Der gehört einfach zu uns“, sagt Ewald Fischer und seine Kollegen nicken zustimmend.

Inzwischen gibt es zwischen 80 und 100 Veranstaltungen pro Jahr. Einen Namen hat sich die Rätsche mit den hochrangigen Kabarettisten gemacht, die gerne herkommen. Aber das Spektrum reicht vom Kabarett über Konzert bis Kindertheater und Klang-Frühstück. Dank Architekt Wagner und seiner Idee mit der Galerie im oberen Rätschebereich finden gut 200 Besucher Platz.

Die Galerie-Gäste sitzen auf Kirchenbänken, die bis zur Renovierung Kirchgängern in der Geislinger Stadtkirche Platz boten.

„Im Lauf der Jahre haben wir bei Anschaffungen viel Organisationstalent bewiesen, denn genug Geld hatten wir nie“, erzählt Brigitte Aurbach. Weil es aus diesem Grund lange nur Haushaltskühlschränke zum Kühlen gab, „haben wir erst seit Mitte der Nuller-Jahre kaltes Bier für alle – auch bei vollen Veranstaltungen. Seitdem besitzen wir eine Kühlzelle.“

Die Rätsche-Macher sind glücklich über „ihre“ Rätsche. Sie lieben die Akustik, den großen Parkplatz direkt vor dem Haus, seit 2003 den „tollen Biergarten“, auch Grundriss und Höhe seien optimal.

Als Nachteil bezeichnet Jürgen Obst, Kassier der Truppe, „die teilweise marode Bausubstanz“ aus den 70er Jahren mit Folgen wie ein undichtes Dach zum Beispiel. „Für die Gebäudeinstandhaltung sind wir drei Vereine (den Altanhaus-Verein gibt es heute nicht mehr. Anmerkung der Redaktion) selbst zuständig. Das bereitet uns schon Kopfzerbrechen.“

Nachgefragt mit Ewald Fischer, Brigitte Aurbach und Jürgen Obst

Was war ihr schönstes Erlebnis?

Ewald Fischer und Brigitte Aurbach: Der Auftritt von Helene Schneidermann, Tochter der KZ-Insassin Judith Schneidermann mit den berührenden Texten und Liedern.
Jürgen Obst: Die „KlangWelten“ mit Rüdiger Oppermann.

Das größte Lob für die Rätsche?

Brigitte Aurbach: Das schönste Lob kam von einem Gast aus Ingoldstadt: „Die Fahrt hierher lohnt sich. Bei euch ist so eine nette Atmosphäre, so was ham wir bei uns net.“

Gab es einen besonders peinlichen Zwischenfall?

Brigitte Aurbach: Einmal – es war 2011 – hatten wir nur einen einzigen zahlenden Gast im Raum. Das ist gegenüber den Künstlern entsetzlich peinlich. Aber die Band spielte trotzdem.

Wen wollen Sie unbedingt noch in der Rätsche sehen oder hören?

Brigitte Aurbach: Konstantin Wecker – und das kriegen wir auch hin!

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