WM Kroaten fiebern im Party-Keller beim WM-Spiel

Geislingen / Michael Scheifele 13.07.2018
Wie Geislinger Kroaten das Erreichen des Endspiels bei der Fußball-WM feiern. Bei Danijel Josipovic im Party-Keller warten Bier, Slivovic und Ćevapčići mit Ajvar auf die vielen Gäste.

Es herrscht emsige Betriebsamkeit bei Danijel Josipovic im Gewölbekeller in der Achalmstraße in Altenstadt. Der Hausherr stülpt sich noch schnell das Trikot der Nationalmannschaft über, schnappt ein Tablett mit aufgeschnittenem Käse, Wurst und Speck und gesellt sich zu dem guten Dutzend Freunden in seinem Gewölbe. Letztere haben bereits das Fernsehgerät und die Stereoanlage angeworfen und die ersten Bierflaschen in der Runde verteilt. Auch der Slivovic, der Pflaumenbrand vom Balkan,  steht schon bereit. Die Stimmung ist heiter. Jürgen aus der Nachbarschaft, momentan einziger deutscher Gast in der Runde der Kroaten-Fußballfans, hat sich’s in der Ecke vor der kleinen Bar gemütlich gemacht. Noch trägt er die deutschen Fußballfarben, lässt sich aber umgehend von Danijel mit einem Kroaten-Käppi ausstatten.

Die Frauen hat Danijel zum Fußball-Gucken in die Rätsche geschickt. Dies hier wird ein Männerabend. Es stößt hin und wieder noch ein Freund hinzu, der kleine Partykeller füllt sich zunehmend. Fast alle Freunde tragen die Trikots mit dem rot-weißen Schachbrettmuster der Kroaten. Luka Modric und Mario Mandžukic heißen die Lieblinge der Fußballfans. Die Kronkorken ploppen immer häufiger. In der Runde wird angestoßen: Uzdravlje! Prost, es kann losgehen.

Selbst von diesen Freunden hätte vor der WM wohl keiner gedacht, dass das Team um Trainer Zlatko Dalic tatsächlich das Endspiel erreicht. Und in dieser Begegnung gegen England wurden die frech aufspielenden Jungs von der Insel von vielen Fußball-Experten als Favoriten gesehen, auch bei den Buchmachern. Doch Danijel ist sich sicher: „Wir gewinnen 1:2.“

Fünf Minuten nach Anpfiff blankes Entsetzen im Party-Keller. Der Engländer Kieran Trippier dengelt einen Freistoß unter die Latte, der serbische Torhüter Danjiel Subasic muss den Ball aus dem Netz holen. Bruno schlägt die Hände überm Kopf zusammen, Josip schimpft vor der Bar. Beide hatten sich das anders vorgestellt. Dass der Treffer ausgerechnet nach einem ruhenden Ball fällt,  ärgert die Fans im Keller.  Die Stimmung ist zunächst verhalten, es wird still. Das ändert sich zur Halbzeitpause.  Stimmungsvolle kroatische Fußball-Hymnen werden über die Stereoanlage „geblasen“, dass im Keller die Wände wackeln, die Slivovic-Flasche kreist. Die auf einem Tischle bereitgestellten Cevapcici finden reißenden Absatz. Es wird heiß diskutiert. Und zu den lautstarken Songs grölen die Fans mit. Die Atmosphäre kann im 2000 Kilometer entfernten Stadion in Moskau kaum besser sein. Selbst Jürgen fiebert nun lautstark für Kroatien.

Es geht weiter. Start zur zweiten Halbzeit. Noch herrschen Zweifel und Hoffnung unter den nun mittlerweile bald 20 Kroatien-Fans im Keller. Dann der Befreiungsschlag in der 69. Minute durch Ivan Perisic. Im Keller ist die Hölle los, ein regelrechter Veitstanz bricht aus. Die kroatische Mannschaft auf dem Spielfeld in Moskau gewinnt an Selbstvertrauen, die Anfeuerungsrufe im Keller werden zunehmend lauter, zwischendurch Flüche, wenn der türkische Schiedsrichter vermeintlich falsch pfeift. Perisic kommt aus einer aussichtsreichen Position zum Schuss. Pfosten! Der Keller kocht. Das wäre beinahe der Doppelschlag gewesen.  Das kroatische Team ist am Drücker, bei den Fans im Keller ist die Siegesgewissheit zu spüren. Immer noch steht es 1:1.

Die Teams müssen in die Verlängerung. Der Slivovic wird erneut herumgereicht. Starke Nerven sind gefragt. „Kommt es zum  Elfmeterschießen, gewinnen wir gegen die Engländer“, meint Bruno. Doch so weit kommt es nicht.  In der 109. Minute machte Mandzukic den Sack zu und die Sensation perfekt. Es gibt kein Halten mehr: Die Männer im Keller versinken im Freudentaumel. Sie liegen sich in den Armen, drücken die deutschen Freunde. Aus diesem Getümmel schreit Danijel: „Ich hab’s gesagt“.   Der Song Sre Vatreno, zu Deutsch „Herz aus Feuer“ dröhnt aus den Lautsprechern. „Bei der WM 1998 sind wir im Halbfinale gegen Frankreich rausgeflogen. Frankreich wurde Weltmeister. Diesmal gewinnen wir“, freut sich Bruno optimistisch. Die jüngeren Fans setzten bereits ihre Rollerhelme auf, bereit für den Korso. Ab geht’s zur Sause an den Sternplatz. Draußen hört man schon die hupenden Autos und im Keller fällt mit Blick auf Sonntag immer  häufiger das Wort Pobjeda – Sieg.

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