Geislingen / Karsten Dyba  Uhr
Es war ein Versuch, der es wert gewesen wäre, es auszuprobieren: Wenigstens in diesem Jahr wollte Oberbürgermeister Frank Dehmer die gesetzlich geregelte Sperrzeit verlängern, damit nach dem Hock die Kneipen dann auch schließen, wenn das Fest zu Ende ist.

Der Hockverein hat die ausufernde Gewalt satt, und die Polizei auch. Es klang konsequent.

Wenn das Vorhaben nicht frühzeitig nach außen gesickert und vor allem Eingang in Internet-Foren gefunden hätte - was auf den ersten Blick ausdrücklich erwünscht sein sollte. "Du kannst da was bewegen. Du hockst doch da drin", schrieb ein Internet-Nutzer jenem Gemeinderat, der die Diskussionsplattform im Internet betreibt. Der startete sogleich eine Umfrage unter den - nicht repräsentativen Nutzern - die erwartungsgemäß den Antrag der Stadtverwaltung in Bausch und Bogen verurteilten.

Schön, wenn sich Bürger mal wieder für ein Thema interessieren, mit dem sich der Gemeinderat befasst. Schön auch, wenn die Bürger mitmischen, mitentscheiden wollen. Die Frage ist nur: Auf welche Art? Was sich da in der Anonymität des Internets entlud, hat die Gemeinderäte regelrecht angewidert: "Ja, da wird alles kaputt gemacht, sogar Traditionen werden mit Füßen getreten", schreibt einer, um dann festzustellen: "Eine Schande ist diese Stadt. Pfui!" Eine Lawine wüster Beschimpfungen wurde losgetreten. Falsche Behauptungen werden massenweise kopiert. "Eine Schande, wie Geislingen den Bach runter geht", sagt einer. "Diese Leute können gar nichts Gutes für Geislingen wollen", ruft ein anderer den Gemeinderäten zu, "macht euch mal nützlich." Die Räte werden als Idioten beschimpft, die zum Lachen in den Keller gehen.

Viele sehen ihr Grundbedürfnis in Gefahr: Mit reichlich Alkohol die Nacht durchmachen, und zwar ohne lästige Einschränkungen. "Ich bin überwältigt von der Beteiligung", sagt da einer der Plattform-Betreiber. Über 220 Abstimmende und über 100 Kommentare in 19 Stunden. Der andere jubiliert gar: Es sei ein Musterbeispiel der Bürgerbeteiligung, "Mach5 lässt grüßen!"

Doch mit demokratischer Auseinandersetzung haben wüste Beschimpfungen gewählter Vertreter leider wenig zu tun.

Übrigens: Von den vielen beteiligungsbewegten Netzbürgern war auf den Zuhörersitzen der realen und öffentlichen Gemeinderatsitzung niemand zu sehen. Ein Graus, wenn man daran denkt, die repräsentative Demokratie würde sich von der anonymen Masse beeinflussen lassen.

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