Raum Geislingen Kinderärzte dringend gesucht

Wenn Hanspeter Streb Ende Juni in den Ruhestand geht, dann bleibt in Geislingen eine Kinderärztin übrig. Im ganzen Raum Geislingen sieht es mit der Versorgung nicht besser aus.
Wenn Hanspeter Streb Ende Juni in den Ruhestand geht, dann bleibt in Geislingen eine Kinderärztin übrig. Im ganzen Raum Geislingen sieht es mit der Versorgung nicht besser aus. © Foto: dpa
Raum Geislingen / Claudia Burst 03.04.2018
Ende Juni geht Kinderarzt Dr. Hanspeter Streb in den Ruhestand. Dann gibt es nur noch eine Kinderärztin in Geislingen.

Als Kinderarzt Hanspeter Streb 1991 in Geislingen als Partner von Dieter Wolf anfing, gab es außer ihm und seinem Kollegen noch die Kinderarzt-Praxen Schulze-Seyler und Andreas Krebs in Deggingen.

Wenn Streb nun Ende Juni in den Ruhestand geht, bleibt Ljudmila Degtjareva als einzige niedergelassene Kinderärztin in Geislingen und Umgebung übrig. „Ich suche seit drei Jahren einen Nachfolger“, sagt Hanspeter Streb resigniert. „Aber kein Einziger hat sich auch bloß mal erkundigt.“ Irgendwann werde es den großen Knall geben, meint er: „Es ist jetzt schon zwölf, nicht fünf vor zwölf.“

Beruf muss attraktiver werden

Das Problem Nachfolger zu finden, betreffe nicht nur Kinderärzte, sondern genau so Allgemeinmediziner, Orthopäden, Augen- und HNO-Ärzte sowie Frauenärzte. Das Problem bestehe schon seit Jahren, sagt Streb. Weil aber fast alle noch praktizierenden Ärzte bis an ihre Anschlagsgrenze arbeiteten, könnten sie noch einiges auffangen.

Streb erinnert sich: Als sein Kollege vor zehn Jahren in den Ruhestand gegangen sei, habe man intensiv nach einem Nachfolger für ihn gesucht. Am Ende habe er selbst alle Patienten mit übernommen – so laufe es oft.

Die Verantwortlichen aus Politik und Kassenärztlicher Vereinigung müssten dringend die Rahmenbedingungen verändern, so dass für junge Ärzte die Vorstellung attraktiv werde, eine ­Praxis zu übernehmen, fordert Streb.

Er sieht mehrere Gründe für die akuten Probleme: Zum einen sei der Zugang zum Medizinstudium durch einen Numerus clausus von aktuell 1,0 enorm hoch. Streb: „Dadurch kann nur ein Viertel der jungen Menschen Medizin studieren, die das tatsächlich wollen.“ Außerdem schreckten lange Arbeitszeiten und viele Vorschriften potenzielle Interessenten ab. Letzteres gelte zwar für alle Fachrichtungen, besonders aber für die Pädiatrie. Denn, so Streb: „Ein Großteil der jungen Kinderärzte sind Frauen, die ­lieber als Angestellte arbeiten wollen, anstatt eine eigene Praxis zu eröffnen, weil sie noch Zeit für Familie haben wollen.“

Ärzte stoßen an ihre Grenzen

Nicht mehr aktuell seien auch die politischen Vorgaben dafür, wie viele Ärzte für wie viele Einwohner zuständig sind, kritisiert Hans­peter Streb. „Außerdem wird der Beruf häufig schlechtgeredet“, klagt der Arzt. Er selbst habe ­seinen Beruf immer gerne ausgeübt. Doch alleine aufgrund der Menge an Patienten stoße man an seine Grenzen. „Deswegen ziehe ich jetzt auch einen Schlussstrich.“

Strebs Patienten wissen seit über einem Jahr, dass sie sich nach einem neuen Arzt umsehen müssen. Aber die meisten der wenigen Kinderärzte – außer Ljudmila Degtjareva –, die es in der Umgebung noch gibt, melden ­einen Aufnahmestopp. So etwa die Wiesensteiger Allgemeinärztin Claudia Keller-Röll aus dem Filstäler Hausarztzentrum, die einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Kindern unter ihren Patienten hat. Momentan sei es ihr nicht möglich, weitere Kinder aufzunehmen. Die Praxis verweist bei Anfragen an die Klinik am Eichert.

Kinderärztin Ute Großmann-Kiefer aus der Praxisgemeinschaft Weinans in Donzdorf übernimmt nur noch Neugeborene bis zur U-3-Vorsorgeuntersuchung und deren Geschwisterkinder, dasselbe gilt für die Kinderarztpraxis von Johannes Domay in Süßen. „Der Frust ist überall zu spüren“, sagt eine Arzthelferin aus einer der Praxen, die namentlich nicht genannt werden will.