Leitartikel Kathrin Bulling: „Stimme gegen Hass erheben“

Die Geislinger Kundgebung gegen Rassismus war gut besucht. Damit ist es aber nicht getan, sagt GZ-Redakteurin Kathrin Bulling: „Unser Zusammenleben in diesem Land hängt davon ab, wie wir uns verhalten, wenn uns Hass und Gewalt begegnen.“
Die Geislinger Kundgebung gegen Rassismus war gut besucht. Damit ist es aber nicht getan, sagt GZ-Redakteurin Kathrin Bulling: „Unser Zusammenleben in diesem Land hängt davon ab, wie wir uns verhalten, wenn uns Hass und Gewalt begegnen.“ © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen / Kathrin Bulling 08.10.2018
Die Geislinger Kundgebung gegen Rassismus am Samstag mit rund 400 Teilnehmern war ein wichtiges Zeichen. Jeder von uns ist aber tagtäglich gefragt, seine Stimme gegen den Hass zu erheben, sagt GZ-Redakteurin Kathrin Bulling.

In Geislingen haben sich am Samstagmittag hunderte Menschen getroffen, um ­gemeinsam friedlich ein ­Signal zu setzen: Nein zu Rassismus, Hass und Gewalt. Ja zu einem friedlichen Miteinander. Das war ein Anblick, der gutgetan hat.

Nach den mutmaßlichen Brandanschlägen auf einen türkischen Supermarkt in Geislingen und eine Asylunterkunft in Bad Überkingen war dieses Zeichen dringend nötig und unglaublich wichtig.

Nicht nur, weil Gewalt gegen andere Menschen das Allerletzte ist. Sondern auch, weil bisher leider diejenigen oft lauter waren, die Ängste schüren, hetzen und die Gesellschaft spalten. Hunderte Geislinger haben am Samstag gezeigt, dass sie anderer Meinung sind und sich nicht von jenen vereinnahmen lassen wollen, die sich als „das Volk“ bezeichnen und angeblich für alle sprechen.

Die Kundgebung in der Fußgängerzone spiegelte die Vielfalt der Gesellschaft wider: Da standen Familien neben Rentnern und Studenten, Ur-Geislinger mit breitem schwäbischem Dialekt neben Geflüchteten aus Afrika und Menschen mit türkischen Wurzeln, Mitglieder von Parteien, Kirchen, Vereinen sowie sozialen und kulturellen Einrichtungen.

Dass sich das Bündnis gegen Rassismus aus mehr als 20 ganz unterschiedlichen Gruppen zusammensetzt, ist Beweis dafür, wie breit der Protest gegen Rechts in Geislingen ist.

An diesem Tag ging es nicht um Links gegen Rechts, sondern um ein Bekenntnis zu Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das ist die Grundlage unseres Zusammenlebens, auf die wir uns letztendlich verständigen müssen – ob wir nun mit der Asylpolitik der Bundesregierung einverstanden sind oder nicht.

Dass sich am Samstag so ­viele Menschen solidarisch gezeigt haben, ist wichtig. Das heißt aber nicht, dass jetzt alles gut ist. Ein gutes Miteinander erfordert tagtägliche Bemühungen von allen in allen Lebensbereichen. Wir dürfen nicht damit aufhören, unsere Stimme gegen Rassismus und Hass zu erheben. Das gilt für jeden, ob im Alltag oder im Internet.

Unser Zusammenleben in diesem Land hängt davon ab, wie wir uns verhalten: Ob wir wegsehen und -hören, wenn gehetzt wird, oder ob wir diskutieren, Lügen widersprechen und vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Themen hinterfragen. Das ist mühsam, kostet Zeit und Kraft – aber es ist unbedingt notwendig.

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