Theater Kampf dem Tod

Geislingen / Claudia Burst 25.06.2018

Viele Geislinger wissen es: Theater mit der „Theatergruppe Obere Roggenmühle“ bedeutet nicht nur ein unterhaltsames Abendvergnügen, sondern kurzweilige Bildung. Am Freitag- und Samstagabend war es wieder so weit. Allein am Freitagabend kamen über 150 Besucher ins Zelt vor der Roggenmühle, um in die Geislinger Vergangenheit zu reisen und dort einen interessanten Mann kennenzulernen: Dr. Wolfgang Thomas Rau. Der wurde 1721 geboren und war ab 1747 Amtsarzt in Geislingen, ab 1769 sogar Leibarzt des Barons Maximilian von Rehberg.

Der heute eher unbekannte Rau war darüber hinaus ein Visionär, der sich nicht mit dem damaligen Bader-Wissen zufrieden gab. Er schrieb seine Doktor-Arbeit über Muttermale, die im völkischen Aberglauben als Zeichen des Teufels gedeutet wurden. Er forschte über Kochsalze, setzte seine Hygienevorstellungen durch und war der Erste, der die Geislinger gegen die Pocken impfte. Nicht ohne Grund war er Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Für Claus Bisle und Roland Funk also ein gefundenes Fressen. Das Autoren-Duo der Theatergruppe kramte den Wissenschaftler aus der Versenkung, zauberte aus den mageren Fakten über ihn ein Theaterstück unter dem Titel „Raue Zeiten“  und präsentierte den Zeitgenossen von Christian Friedrich Daniel Schubart als Menschen mit Fehlern und Schwächen, aber auch als mitfühlenden und engagierten Wissenschaftler seiner Zeit.

Die Gratwanderung zwischen Belehrung und Unterhaltung gelang. Schauspielerisches Können und Wortwitz sorgten für Amüsement und Lacher unter den Gästen. Zum Schießen waren die heißen Wortgefechte zwischen dem dauerbetrunkenen Nachtwächter Fetzer (Norbert Barf) und Christian Schubart (Joachim Joerke), beeindruckend die zahlreichen jungen Nachwuchsschauspieler der Truppe, faszinierend die Professionalität bei den Kostümen, der Maske und bei den Kulissen. Derer gab es gleich mehrere. Fotobedruckte Schiebevorhänge suggerierten mal Ulm, mal Geislingen als Hintergrund oder versetzten die Besucher vom Marktplatz in Geislingen in eine der Wirtschaften, in der die Protagonisten zechten oder in die Arztstube von Dr. Rau.

Roland Funk spielte den Arzt einfühlsam und überzeugend – seine Verzweiflung in der Ohnmacht gegen die „Keime“, die die Pocken auslösen, sein leidenschaftlicher „Kampf dem Tod“, der ihn antreibt, die Impfung mit Lebendviren zuerst an sich selber auszuprobieren.

Die Aufmerksamkeit der Roggenmühle-Besucher wurde durch gleich zwei Bühnen auf beiden Seiten des Zeltes auf das jeweilige Geschehen gelenkt, sodass es nie lange Umbauphasen gab. Immer wieder fand das Geschehen sogar mitten im Publikum statt. Die drei Hexen etwa, die den Aberglauben jener Zeit personalisieren, huschten durch die Gästeschar und provozierten Gänsehaut, bevor sie sich im Kampf gegen den Arzt –„der wird unser Verderben sein“ – auf der Bühne verbündeten. Fortuna kämpfte berührend in ihrer Intensität gegen den Sensenmann, der sich nach Belieben seine Opfer sucht.

Mit „Raue Zeiten“ gelang Bisle und Funk erneut ein Theaterstück, das sich aus der Masse des oberflächlichen Volkstheaters heraushebt.

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