Er ist eine Urgewalt von einem Athleten: 1,92 Meter groß, 102 Kilogramm schwer, kein Gramm Fett, nur Muskelmasse. Sein Dialekt verrät schnell, wo er herkommt: aus Bayern. Sein Name: Johannes „Hansi“ Lochner. Nicht minder  beeindruckend sind seine Erfolge als Sportler. Der 28-Jährige ist Bobpilot und gehört zur absoluten Weltspitze. Drei Weltmeister- und drei EM-Titel stehen in seiner Vita. Dazu kommen noch fünf Silber- und zwei Bronzemedaillen bei Welt- und kontinentalen Titelkämpfen. Nicht schlecht für einen, der erst mit 23 Jahren sein Weltcup-Debüt gegeben hat.

Talent schnell erkannt

Dass der Schönauer ganz nach oben gekommen ist, verdankt er einem Geislinger: dem Forensik-Professor Jochen Buck, früher selbst Bobsportler und Präsident des Stuttgarter Bob-Clubs Solitude, Lochners sportliche Heimat.Sein Weg dorthin war aber nicht ganz direkt. „Ich bin erst mit 21 Jahren zum Bobsport gekommen“, erzählt Lochner, „davor habe ich alles mögliche ausprobiert, Leichtathletik, Tennis, Eishockey, Ski Alpin, Skispringen.“ Der letzte Schritt zum Kufensport war indes kein Zufall: Sein Onkel ist der Zweier-Weltmeister 1991 und Olympia-Silbermedaillengewinner von Albertville 1992, Rudi Lochner. Dass dessen Neffe wiederum recht spät in den Eiskanal wechselte, war nichts Ungewöhnliches: Bis vor wenigen Jahren musste man volljährig sein, um in einen Bob steigen zu dürfen. „Im Prinzip sind wir alle Quereinsteiger.“

Mit offenen Armen empfangen

Allerdings stand Lochner schnell vor dem Problem, dass er zwar Talent hatte, aber kein Geld. Schon gar nicht als Student der Elektrotechnik. Und beim Bobsport redet man von bis zu 200 000 Euro, um eine Saison zu finanzieren. „In Bayern war ich damals die Nummer sechs und damit ohne Chance auf Förderung durch den Verband“, sagt Lochner. Weshalb er 2014 mal vorsichtig bei den Stuttgartern anklopfte – und von Buck gleich durch die Tür gezogen wurde. Letzterer war selbst bei Lochners Onkel mitgefahren und wusste, dass er da einen Rohdiamanten bekommt („Der Hansi kam g’rad so daher wie der Rudi.“).

Die Stuttgarter übernahmen dann die Anschubfinanzierung – sprich das Budget für Material Anschieber, Trainingslager – und stellten Lochner über den baden-­württembergischen Bob- und Schlittensportverband (dessen Präsident wiederum Buck ist) ein Arbeitsgerät zur Verfügung. Lochner zahlte das Vertrauen schnell zurück, wurde schon 2015 Fünfter im Weltcup und schoss im selben Jahr mit dem Zweier-Bob im Eiskanal von Winterberg zu WM-Silber. Nach wie vor trägt sein Verein die Kosten für die Saison, immerhin kann Lochner aber inzwischen von Sponsorengeldern und Sportförderung leben. Seinem Verein, sagt der Bobpilot, wird er ewig dankbar sein, „ich werde nie für einen anderen Club fahren“.

Adrenalin ist der Treibstoff

Lochners Treibstoff für Höchstleistungen ist das Adrenalin, „ich bin ein richtiger Adrenalin-Junkie“. Es ist aber weniger der Rausch der Geschwindigkeit, mit 150 Stundenkilometern durch den Eiskanal zu jagen. Es ist vielmehr der Thrill, auf den technisch anspruchsvollen Bahnen ans Limit zu gehen. „Es gibt zwei Arten von Bahnen“, erklärt Lochner: „Die einen sind schwierig, weil sie schnell sind“, sagt er,: „Und dann gibt es die Bahnen, die schwer zu fahren sind, bei der man alles raushauen muss, um runterzukommen. Da machen ein, zwei Prozent bei der Leistung den Unterschied. Nuancen, die sich daraus ergeben, wie die Piloten die Kurven anfahren. Man muss das Auge dafür haben, wo einen der Druck hinschiebt und die Lenkpunkte drauf abstimmen.“ Lochner nennt das „die Seele der Bahn erkennen“.

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