Integration Job beim Wertstoffhof hilft gegen Heimweh

Die Kartons müssen flach in den Container – das weiß Fred Oluwole aus Nigeria, der noch bis Jahresende als freiwilliger Helfer beim Wertstoffhof in Geislingen arbeitet. Bei dem Job knüpft der Flüchtling Kontakte und lernt sprachlich dazu.
Die Kartons müssen flach in den Container – das weiß Fred Oluwole aus Nigeria, der noch bis Jahresende als freiwilliger Helfer beim Wertstoffhof in Geislingen arbeitet. Bei dem Job knüpft der Flüchtling Kontakte und lernt sprachlich dazu. © Foto: Markus Sontheimer
Isabelle Jahn 29.12.2017
Die Arbeit beim Geislinger Wertstoffhof verhilft dem Flüchtling Fred Oluwole zur Integration. Bald winkt ein neuer Job.

Ein Auto nach dem anderen hält auf dem Platz des Geislinger Wertstoffhofs. Männer und Frauen tragen Kisten mit Altglas, Papier oder Elektrogeräten gezielt zu den Containern; andere sind sich unsicher, wo der Müll hingehört. Fred Oluwole weiß das genau und gibt Anweisungen mit den Händen; die deutsche Sprache fällt dem Nigerianer, der vor etwa einem Jahr aus seiner Heimat nach Deutschland geflüchtet ist, noch schwer.

Seit Juli wohnt der 34-Jährige in Geislingen, seit Oktober hilft er auf dem Wertstoffhof mit. Mit seinen Kollegen managt er das Geschehen auf dem Platz und schaut danach, dass alles seine Ordnung hat. Wenn jemand Hilfe beim Entsorgen braucht, packt er kurzerhand mit an.

Was für viele schlichtweg Arbeit ist, bedeutet für Oluwole viel mehr: „Hier komme ich mit Menschen in Kontakt“, sagt er. Der junge Mann genießt zum einen die freundschaftliche Atmosphäre im Team, im Aufenthaltsraum führt man auch private Gespräche bei Tee und Keksen; zum anderen die täglich neuen Begegnungen auf dem Hof, in dessen Nähe er in einem Haus mit anderen Geflüchteten wohnt.

Wie gern Oluwole arbeitet, zeigt sich an seinem eifrigen Einsatz, erzählt Kollege Jorge Gonzalez. „Er gibt sich Mühe, und das ist das A und O“, sagt der 49-Jährige, der regulär für den AWB arbeitet. Obwohl Oluwole freitags nicht ran muss, helfe er oft trotzdem mit. „Er will lernen und macht deshalb mehr“, betont Gonzalez. Ums Geld kann es dem Nigerianer jedenfalls nicht gehen, das Gehalt hat mit 80 Cent pro Stunde eher symbolischen Wert.

Der 30-Stunden-Job soll Flüchtlingen die Integration erleichtern, die Maßnahme wird bis 2020 vom Bund gefördert (wir berichteten). Das Angebot ist aber nicht gerade beliebt, wie Dirk Hausmann, Leiter des Abfallwirtschaftbetriebs (AWB), auf Nachfrage unserer Zeitung berichtet: „Es ist nicht so einfach, jemand Geeigneten zu finden.“ Der AWB sucht in Zusammenarbeit mit dem Kreissozialamt auch für die beiden Einrichtungen in Göppingen freiwillige Helfer. Auch für Geislingen wird noch jemand gebraucht, der Fred Oluwole im Januar ablöst.

Die Person müsse gewisse Voraussetzungen mitbringen, zum Beispiel aufgeschlossen sein und „nötiges Fingerspitzengefühl haben“, beschreibt Hausmann. „Der Alltag ist leider nicht immer nur freundlich, wenn man die Regeln durchsetzen will“, sagt der Betriebsleiter. Umso mehr freut er sich darüber, wie Oluwole sich in der Geislinger Einrichtung zurecht findet. „Er hat sich toll eingearbeitet“, lobt Hausmann, der auch von Kunden positive Rückmeldung bekommen hat.

Oluwole schätzt es, auf dem Wertstoffhof mitzuarbeiten: „Geld ist zwar wichtig, aber nicht das Wichtigste.“ Viel bedeutender sei die Ablenkung, die der Job mit sich bringt: „Du gehst morgens raus und kommst abends heim“, sagt Oluwole. Es gebe immer was zu tun und keine Langeweile. Wenn er nur zu Hause sitze, kämen schlechte Gedanken in ihm auf, Heimweh, Blödsinn.

Genau das sei der Gedanke bei dieser Maßnahme, betont AWB-Chef Hausmann: „Viele wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit machen sollen.“ Die Arbeit in den Wertstoffzentren helfe den Flüchtlingen, die Zeit zu überbrücken, in der sie auf die Entscheidung um ihre Anerkennung in Deutschland warten. In dieser Übergangsphase trage ein Job dazu bei, in der Gesellschaft anzukommen, meint Hausmann.

Oluwole erzählt von seinen fünf Brüdern und fünf Schwestern und seiner Mutter, die alle in Nigeria geblieben sind. Sein Vater sei vor langer Zeit gestorben. Fred Oluwole berichtet von finanziellen Schwierigkeiten, wegen denen er sein Heimatland verlassen habe. Er redet nicht gern darüber. Ob er in Deutschland bleiben darf, weiß Oluwole nicht: Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er hat jedoch einen Anwalt eingeschaltet, um für sein Bleiberecht zu kämpfen.

Auf Englisch kann sich Oluwole gut ausdrücken, versucht es aber immer wieder auch auf Deutsch. Worte wie „Kartonage“ oder „Bauschutt“ beherrscht er durch seine Arbeit auf dem Wertstoffhof bereits aus dem Effeff. Er will unbedingt einen Deutschkurs machen und hat sich bereits auf die Warteliste setzen lassen.

Als Nächstes steht aber eine andere Herausforderung an: Ab Januar arbeitet der Mann aus Nigeria beim KBM Gussputz-Center in Geislingen. Er weiß, dass das kein leichter Job ist. Aber das nehme er in Kauf – um einen Anfang zu machen, sagt Oluwole, der einst einer kreativen Tätigkeit nachging und Verzierungen für Fenster hergestellt hat. „Ich habe keine Option“, betont er. Er wolle nicht langfristig vom Staat bezahlt werden. „Ich will unabhängig sein.“ Bis dahin freut er sich über die Etappenziele, wie sein Engagement beim AWB zeigt. Deshalb durfte er natürlich auch beim Jahresabschlusstreffen nicht fehlen.