Sprache Integrationskurse: „Investition in die Zukunft“

In den Integrationskursen lernen die Teilnehmer nicht nur Deutsch, sondern auch viel übers Land.
In den Integrationskursen lernen die Teilnehmer nicht nur Deutsch, sondern auch viel übers Land. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen / Kathrin Bulling 12.10.2018
Rund 200 Geflüchtete besuchen derzeit die Integrationskurse der Geislinger Volkshochschule. Das große Chaos sei vorüber, sagt Leiterin Sandra Schneider; viele Herausforderungen blieben aber.

„Am Anfang“, sagt Sandra Schneider, „wussten wir nicht, wo wir die Leute hinstecken sollen.“ Die Volkshochschulleiterin denkt an die Zeit vor zwei Jahren, als sich vor dem VHS-Eingang Schlangen bildeten und sich Geflüchtete gleich gruppenweise für Integrationskurse anmelden wollten.

Auch wenn die Zahl neu ankommender Flüchtlinge deutlich zurückgegangen ist, bedeutet das für die Dozenten der VHS keineswegs weniger Arbeit. Sie arbeiteten immer noch den Stau von 2016 und 2017 ab, sagt Schneider, die die Geislinger Volkshochschule seit Juli leitet und dort zuvor Integrationskurse gab: „Es sind ja weder Lehrer noch Räume vom Himmel gefallen.“ Zwar habe man damals „die Kapazitäten hochgefahren, wie es nur ging“ und zwei Stellen mit insgesamt 90 Prozent für Verwaltung und Kursplanung geschaffen. Die vom ­Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorgesehene Wartezeit von sechs Wochen bis Kursbeginn sei aber utopisch ­gewesen; teilweise habe es Wartezeiten von bis zu einem Jahr gegeben. Aktuell sei das Angebot ausreichend. „Wir können die Leute zeitnah unterbringen.“

Anerkannte Flüchtlinge sind dazu verpflichtet, an einem vom BAMF finanzierten Integrationskurs teilzunehmen. Fehlen sie zu oft, können ihnen Leistungen gekürzt werden. An der Geislinger VHS haben seit 2015 rund 600 Personen zirka 35 dieser Kurse besucht. Nach einer Verwaltungsvorschrift von 2015 dürfen auch Flüchtlinge mit Aussicht auf ein Bleiberecht einen Kurs besuchen, der vom Landkreis finanziert wird – derzeit sitzen rund 60 Teilnehmer in drei extra für sie ausgewiesenen Kursen. Parallel laufen neun der BAMF-Integrationskurse mit durchschnittlich 22 Personen; für alle gibt es 16 Dozenten.

In den Kursen lernen die Teilnehmer nicht nur 600 Stunden lang Deutsch, sondern beschäftigen sich im dazugehörigen Orientierungskurs in 100 Stunden auch mit Politik und Demokratie, Geschichte und Gesellschaft in Deutschland. Gerade die Politik interessiere zu Beginn nur wenige, sagt Schneider: „Man muss das Thema mit Leben füllen, es auf den Interessenkreis herunterbrechen.“

So lassen die Dozenten die Teilnehmer zum Beispiel einen Bürgerentscheid durchspielen. Sandra Schneider startet gern mit einem provokanten Thema wie der Homoehe. Frage man die Teilnehmer nach ihrer Meinung, kreuzten viele aus dem arabischen Raum „Nein“ an, weil sie aus ihren Heimatländern keine Alternative kennten. Schiebe man dann aber die Frage nach, ob es erlaubt bleiben soll, Kopftuch zu tragen oder Moscheen zu bauen, dann werde den Menschen bewusst, wie wichtig das Recht auf Selbstbestimmung sei.

600 Stunden reichen meist nicht

Eine der größten Herausforderungen für die Dozenten: Die Integrationskurse richten sich auch an Neuzuwanderer etwa aus Osteuropa, die im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland kommen. „Da kann es dann sein, dass eine Kroatin mit Abitur und ein Syrer ohne Fremdsprachenkenntnisse zusammensitzen“, nennt Schneider ein Beispiel. Die Lehrbücher böten seit einem Jahr immerhin mehr differenzierte Übungen zum selben Thema an, damit alle auf ihrem individuellen Wissensstand mitarbeiten können. Dennoch blieben die Herausforderungen groß, weil viele Geflüchtete eine schlechte Vorbildung hätten: „Da gibt es viele, die nur acht Jahre in der Schule waren und sehr lange aus dem Lernprozess raus sind.“ Am Anfang habe man auch noch häufig klarstellen müssen, dass die Kurssprache Deutsch sei. Und, dass die Dozenten das Sagen haben – auch, wenn sie weiblich sind. „Wir konnten da aber recht schnell eine Arbeitsmoral einrichten“, meint Schneider gelassen.

Ihre Erkenntnis lautet: Das im Abschlusstest geforderte Sprachniveau B 1 ist nur machbar für gut vorbereitete Teilnehmer unter 40 Jahren, die schon vor Kursbeginn das lateinische Alphabet beherrschten und über gute Lernmethoden verfügen. Für alle anderen reiche die veranschlagte Zeit nicht – so dauere es schon 200 bis 300 Stunden, bis man das lateinische Alphabet in Druckbuchstaben könne. „Ich möchte umgekehrt in der Zeit auch nicht ­Arabisch lernen müssen“, kommentiert Schneider die Herausforderung. Unverständlich ist für sie, dass der Test für den Orientierungskurs ein höheres Niveau hat als der Sprachtest – das passe nicht zusammen.

Bislang mussten etwa 75 Prozent aller Flüchtlinge das Angebot von 300 zusätzlichen Stunden in Anspruch nehmen, weil sie das erste Mal durch den Test fielen. 2017 schafften 66 Prozent aller Teilnehmer das B-1-Niveau, bei 31 Prozent war es immerhin noch A 2. Doch auch wer das Kursziel nicht erreicht habe, dürfe eines nicht vergessen, betont die VHS-Leiterin: „Jeder lernt etwas dazu, kann zumindest mit dem Arzt oder dem Lehrer kommunizieren – das ist ganz wichtig.“

Unter den Teilnehmern erlebt sie zwei Extreme: Die Unmotivierten – häufig junge, unbedarfte Geflüchtete, denen man alles hinterher tragen müsse und die die „ganz falsche Erwartungshaltung“ hätten, ohne Sprachkenntnisse einen gutbezahlten Job zu finden. Und die enorm motivierten Teilnehmer, die sich sehr anstrengten und auch schnell Zugang zum Arbeitsmarkt fänden.

Die Erfolgsgeschichten dieser „Sternchen“, wie Schneider sie nennt, seien es, die manch frustrierendes Erlebnis ausglichen. Dazu gehört jener Arzt aus Syrien, der mit über 50 Jahren nach Deutschland kam, Deutsch lernte, seine Approbation nachholte und jetzt als Anästhesist an der Göppinger Klinik arbeitet.

„Wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen die jungen Generationen“, sagt Schneider. Das sollten sich die hier lebenden Menschen bewusst machen, wünscht sie sich. „Dass wir diese Leute ausbilden, ist eine Investition in die Zukunft.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel