Nach zwei Wochen zogen die Gläubiger die Reißleine: Offenbar fehlte es an Vertrauen, weshalb sie das Göppinger Insolvenzgericht davon überzeugten, der Selbstverwaltung ein Ende zu setzen. Noch vor wenigen Wochen feierte die Firma Hagmeyer ihr 150-jähriges Bestehen, jetzt geht sie in die Insolvenz. Am vergangenen Donnerstag bestellte das Gericht den bisherigen Sachwalter als Insolvenzverwalter.

Nun soll der Ulmer Rechtsanwalt Michael Winterhoff das Unternehmen restrukturieren. In Geislingen wird sich für die Kunden und die 64 Mitarbeiter vorerst nichts ändern: „Der Geschäftsbetrieb läuft weiter“, versichert der Rechtsanwalt Andreas Wolf von der Kanzlei Winterhoff, der sich seit vergangener Woche mit einem fünfköpfigen Team des Unternehmens angenommen hat. Die Gehälter der Mitarbeiter seien durch das Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit bis Januar gesichert.

Warum Hagmeyer nicht einmal ein Jahr nach der Übernahme der Geschäftsführung durch Hermann Eberhardt ins Trudeln geraten ist, sei auch ihm noch nicht klar, sagt Wolf. „Darüber können wir nur spekulieren. Dafür kennen wir das Unternehmen  jetzt noch nicht gut genug.“ Im März hatte Leopold Weilguni aus Aufhausen den Betrieb an den Schalkstettener übergeben. Der Betrieb war zuvor schon einmal insolvent: Weilguni, einst Mitarbeiter, hatte 2008 die Geschäftsführung aus den Händen der Gründerfamilie übernommen.

Am 8. Dezember hatte das Göppinger Gericht die sogenannte Eigenverwaltung angeordnet. Das heißt: Eberhardt durfte das Unternehmen weiterhin führen, aber unter Aufsicht eines bestellten Sachwalters und unter der Auflage, sich beraten zu lassen. Es habe sich aber schnell herausgestellt, dass der Gläubigerausschuss mit der Geschäftsführung nicht zufrieden sein konnte, erklärt Rechtsanwalt Wolf.

„Die Aufhebung der vorläufigen Eigenverwaltung im Verfahren erfolgt von Amts wegen“, heißt es im Beschluss des Amtsgerichts, denn im laufenden Betrieb finde „derzeit eine für die Eigenverwaltung notwendige Geschäftsführertätigkeit nicht in ausreichendem Maß statt“. Deshalb habe das Gericht alle Maßnahmen zu treffen, um eine Änderung der Vermögenslage des Schuldners zu verhindern, damit den Gläubigern kein Nachteil entsteht. „Inzwischen haben sich auch ein Teil des vorläufigen Gläubigerausschusses und die beiden Hauptgläubiger gegen eine Fortführung der vorläufigen Eigenverwaltung ausgesprochen“, schreibt das Gericht. Hauptgläubiger ist nach Auskunft des Göppinger Amtsgerichts der Lieferant, das Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler, sowie eine heimische Bank.

Wolf spricht von einem „Vertrauensverlust“ bei den Gläubigern und von einem Rückstand, den es aufzuholen gelte. Der Grund dafür sei jedoch nicht bei Eberhardt zu suchen, betont der Rechtsanwalt. Eberhardt engagiere sich sehr, „er ist für das Unternehmen auch ganz wichtig“. Eberhardt hatte gestern den Gläubigerausschuss im Haus und war danach nicht mehr erreichbar.

Der Betrieb soll auf jeden Fall erhalten bleiben, betont Wolf, „eine Abwicklung steht überhaupt nicht zur Debatte“. Hagmeyer genieße das Vertrauen seiner Kunden in der Region, auch das der Gläubiger sei jetzt wieder hergestellt. „Wir werden alles dafür tun, den Betrieb zu erhalten.“

150 Jahre Hagmeyer in Geislingen


Jubiläum Das drittälteste Unternehmen Geislingens hat erst Anfang November sein 150-jähriges Bestehen gefeiert. Zur Jubiläumsfeier begrüßte Geschäftsführer Hermann Eberhardt rund 200 Gäste im Stadtbad.

Geschichte Leonhard Hagmeyer aus Wittingen gründete 1866 in der Oberen Stadt eine Schmiedewerkstatt. Bald wurde daraus eine Eisenwarenhandlung, die in der Region den Bedarf der Landwirte und Handwerker  an Geräten, Werkzeugen und Stahlerzeugnissen abdeckte.

Insolvenz Das Unternehmen geriet 2003 in die Insolvenz. Im Jahr 2008 übernahm Leopold Weilguni den Betrieb. Seit dem Neustart hat die Hagmeyer GmbH 89 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Im März übernahm der Diplom-Ingenieur Hermann Eberhardt die Geschäftsführung, Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung ist Hannes Knosp aus Aufhausen.