Geislingen Informatiker warnt vor Selbstauslöschung

Geislingen / Ruben Wolff 20.04.2018
Im Internet geben viele Menschen ganz bereitwillig ihre Privatsphäre auf. Damit zerstören sie aber ihre Individualität, findet der Autor Jens Glutsch.

„Unsere Gedanken dürfen kein Allgemeingut werden“, sagt Jens Glutsch düster raunend. „Sie müssen frei bleiben“, fordert der Autor während seiner Lesung in der Stadtbibliothek und denkt dabei an Hoffman von Fallersleben. Glutsch sieht im Digitalzeitalter die Freiheit der Gedanken bedroht. Das Schlimmste daran ist, dass wir unsere Freiheit freiwillig aufzugeben scheinen, wenn wir auf Facebook und Co alles über uns erzählen. Jens Glutsch will deswegen Mut machen, die Privatsphäre zu schützen. Die „digitale Selbstentblößung“ helfe letztlich den Internetkonzernen mit jedem veröffentlichten Foto und Post, Geld zu verdienen: Wir geben also etwas auf, damit andere daran verdienen.

Seine Warnung hören an diesem Abend gut 25 Menschen, aber Glutsch schreibt Bücher, um noch mehr zu erreichen. Der 45-Jährige appelliert an jeden einzelnen: „Wir brauchen einen Raum, der allein uns gehört.“ Dort, in diesem Raum, könnten wir Fehler begehen, Geheimnisse haben, uns weiterentwickeln, einzigartig sein. Wenn wir aber alles freigeben, dann hätten wir nichts mehr zu schützen. Und so zieht er seinen Schluss: „Verlust der Privatsphäre bedeutet Zerstörung der Individualität.“

Digitaler Hochmut führt in Datenhölle

Sein Kulturpessimismus gipfelt schließlich in religiösen Metaphern, als er von der „Datenhölle“ spricht und von „Todsünden“ wie dem Hochmut. Die Sucht nach Aufmerksamkeit verführe beispielsweise dazu, Bilder von Partys zu veröffentlichen, auf denen wir vergnügt aussehen und auf denen womöglich Alkoholflaschen zu sehen sind. Die Datensammler freuen sich über diese Spenden und bauen die Informationen in Profile ein. Solche Fotos könnte ein künftiger Personalchef sehen und solche Informationen könnten sich durch Algorithmen negativ auf Versicherungen auswirken. Ein falsches Foto auf Facebook könne letztlich auch zur einer Kündigung führen.

„Unsere Ruhmsucht geht zulasten unserer Privatsphäre und manches kann uns sogar Jahre später noch einholen.“

Außer Gefahren auch Chancen

Den „Todsünden“ stellt Glutsch „Kardinaltugenden“ dagegen, eine davon ist die besprochene Freiheit: „Wir müssen uns von dem Zwang lösen, alles preiszugeben.“ Außerdem sollte man nicht allen Vorschlägen folgen, die uns Facebook macht und die mittels der Datenspuren berechnet wurden, die wir hinterlassen haben. Wer dagegen frei wähle, was er lesen möchte und auch entgegen seiner üblichen Interessen Neues ausprobiere, der könne auf diese Weise auch Filterblasen aufbrechen.

Wer sich gut schützen will, sollte auf seine Passwörter achten. „Je länger, desto besser“, betont der Experte. „Jedes Ding will einmalig sein. Das gilt auch für ein Passwort.“ Der Vorteil daran sei, dass ein Computer mehr Zeit brauche, um es zu knacken. Neben Buchstaben sollten Sonderzeichen und Zahlen verwendet werden, rät Glutsch.

Einer seiner Zuhörer ist an diesem Abend Wolfgang Nordmann, der sich ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmert. Durch das Internet werde heute alles potenziert, gibt er zu bedenken. Zudem könne jeder die Kontrolle über seinen Post verlieren. Nordmann denkt dabei an Geheimdienste wie die Gestapo zur Zeit des Nationalsozialismus. Sie könnte heutzutage wahrscheinlich ihr Glück gar nicht fassen, wüsste sie, wie einfach sie an geheime Daten käme.

Nordmann wolle aber nicht alles negativ sehen, immerhin biete das Digitalzeitalter auch viele positive Möglichkeiten. Als er neulich im Urlaub auf Ortungsdienste seines Smartphones zugreifen konnte, um seinen Zielort zu finden, sei er schon glücklich über die Möglichkeit gewesen. Danach habe er die Ortungsdienste aber wieder ausgeschaltet.

Wenn „Zwang“ einen Sinn hat

Unter den 25 Gästen sitzt auch der 15-jährige Lukas. Er ist der jüngste, der an diesem Abend Jens Glutsch zuhört und über dessen Worte nachdenkt. Lukas hat aber seine ganz eigene Antwort auf die Frage, warum er hier ist:

„Meine Mutter hat mich dazu gezwungen“, sagt er belustigt. Kaum hat er die Worte ausgesprochen, fängt seine Mutter Daniela Schubert schallend an zu lachen. Lukas Augen strahlen. Jetzt muss er auch lachen. Warum der Junge hier ist, wird dann aber doch noch erklärt: „Ich denke, mein Sohn gehört zur Zielgruppe“, erklärt Mutter Daniela. „Die Jugend ist auf Instagram und Facebook unterwegs, da ist es gut, wenn jemand den Jugendlichen Tipps geben kann, sicher durch das Netz zu surfen.“

Er verstehe das natürlich, versichert schließlich auch Lukas.

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