Reportage Graf Dracula in Unterhose

Geislingen / Heike Siegemund 09.07.2018
Seit April beißt Dracula seine Opfer im gleichnamigen Musical im Geislinger Theater im Sägewerk. Die GZ hat gesehen, welcher Aufwand dahinter steckt.

Es sind noch eineinhalb Stunden bis zur 14. Aufführung von „Dracula“ im Theater im Sägewerk. Im Kaminzimmer, in den Gesangsräumen und im Ballettsaal herrscht reges Treiben: Viele der Darsteller sitzen vor Spiegeln und schminken sich für die große Show. Maskenbildner gibt es keine, dazu ist das Theater zu klein. Doch Torsten Moll und Dean Mihaljev haben ihren Zöglingen gezeigt, wie’s geht – und jetzt sind sie so routiniert, dass sie keine Hilfe mehr benötigen. Robert David Marx beispielsweise, der den Dracula spielt, braucht zum Schminken nur eine halbe bis dreiviertel Stunde. „Das geht mittlerweile recht flott“, winkt er ab und greift zu seiner Wasserflasche, in der ein grün leuchtender Silikonschlauch steckt. Das ist keineswegs ein überdimensionierter Strohhalm, sondern eine Art Werkzeug, um die Stimme zu pflegen: Dracula tönt in das Rohr, das Wasser beginnt zu blubbern, und der Stimmapparat wird gelockert.

Jeder hat da seine eigenen Methoden und Verhaltensweisen, sagt Dean Mihaljev. Er selbst beispielsweise nimmt vor einem Auftritt keine Milchprodukte zu sich. Denn dann habe er schnell einen Frosch im Hals und müsse sich ständig räuspern. Für Wiebke Dobbehaus, die in „Dracula“ Lucy verkörpert, ist vor allem eines wichtig: trinken. Während einer Show trinkt sie mindestens zweieinhalb Liter Tee und Wasser. Und die zehn Jahre alte Tessa Staudenmaier ist praktisch nie ohne Buch anzutreffen: Noch kurz vor der Aufführung und zwischen ihren Auftritten greift sie zu ihrem Harry-Potter-Buch und liest in aller Seelenruhe.

Draußen finden sich derweil die Gäste ein. Der Soundcheck im Theater ist erledigt, im Kaminzimmer wird es nun etwas hektischer. Jetzt gilt es, die Kostüme anzuziehen, die Mikros anzubringen und der Frisur den letzten Schliff zu verpassen. Der Gong ertönt – ein Zeichen für die Gäste, ihre Plätze aufzusuchen. „In zwei Minuten gehen wir rüber“, ruft Mihaljev und meint damit den Backstage-Bereich des Theaters. Dort haben sich die Hauptdarsteller bereits eingefunden, und auch die sieben Dresser stehen bereit: Sibille Allmendinger, Ute Hirl, Sonja Ludwig, Maria Moll, Barbara Natterer, Claudia Rupp und Heidrun Schwarzkopf kommt ein besonders wichtiger Part zu, denn sie helfen den Darstellern bei den zahlreichen Kostümwechseln. Und die müssen schnell gehen: „Wir haben zum Beispiel zwischen 20 und 40 Sekunden Zeit, um Mina aus dem Nachthemd ins Brautkleid zu bekommen“, sagt Mihaljev. Und dieses opulente, neun Kilogramm schwere Kleid hat es in sich. Allein Mina hat innerhalb einer Show 18 Kostümwechsel. Apropos schnell: Auch für die Umbauten auf der Bühne haben die Helfer wenig Zeit: In nicht einmal zehn Sekunden muss beispielsweise der Tisch raus- und das große Bett hereingetragen sein – und das ohne, dass es groß auffällt. Markierungen auf dem Boden zeigen die genauen Standorte an.

Noch wenige Minuten bis Showbeginn. Dracula flitzt noch in der Unterhose herum, die Dresser halten seine Hose bereit. Schnell noch Deo unter die Achseln gesprüht – Dracula ist halt auch nur ein Mensch. Und dann kann‘s losgehen: Torsten Moll löscht das Licht im Saal. Die Ansage ertönt. Die Techniker sorgen für das passende Licht auf der Bühne. Nebel steigt auf, und das Orchester beginnt zu spielen. Das Publikum wird in Draculas Reich entführt.

Wann betritt wer mit welcher Requisite in den Händen die Bühne? Wo hat wann wer zu stehen? Wann setzt das Orchester ein? Wann geht der Vorhang auf oder zu oder nur zum Teil zu? Welches Licht geht zu welchem Zeitpunkt an? Alles, wirklich alles ist haarklein geplant. Sollten tatsächlich einmal Fragen auftauchen, steht in einer Ecke auf dem Boden ein unscheinbarer Ordner, der für den Notfall alle wichtigen Antworten enthält, „die Bibel der Vorstellung“, wie Dean Mihaljev sagt. Doch es läuft alles glatt. Die Darsteller sind eingespielt, sind die Ruhe selbst, scherzen hinter der Bühne. Nur einen kurzen Schreckmoment gibt es: Plötzlich fehlt von Wiebke Dobbehaus jede Spur. „Wo ist Wiebke?“, wird geflüstert und die Mienen versteinern. Manche flitzen nach draußen und schauen auf dem Hof nach. Andere suchen im Foyer. Und Gott sei Dank: Wiebke taucht auf, sie hat nur im Zuschauersaal bei den Technikern den Sound gecheckt. Ein Aufatmen.

Unterdessen bekommen die Vampiretten von den Dressern Theaterblut in den Mund geträufelt. Einmal gurgeln, und schon läuft die rote Flüssigkeit aus dem Mund und verteilt sich auf ihren Gesichtern. Gruselig wirken die drei Frauen, die schnell wieder die Bühne betreten. Kurze Zeit später nimmt Maria Moll Jonathans blutverschmiertes Hemd entgegen, eilt zu einem Waschbecken und reinigt es von Hand. Dracula richtet solange am Spiegel seine Blutsaugerzähne.

Unter die Haut geht ein Moment, der nach der Pause folgt: „Wenn wir in dunkler Nacht ganz ohne Hoffnung sind…“, singen die Darsteller auch Backstage voller Inbrunst mit. Nebenbei pudert sich Mina noch die Nase. Durch Mark und Bein geht auch ein enorm lauter Schrei aus Stefanie Martins Kehle, den sie hinter der Bühne von sich gibt als gebe es kein morgen mehr. Kein Wunder: Die Vampirette wird ja auch von Van Helsing getötet. Ein ungläubiges Grinsen macht sich auf den Gesichtern der anderen Darsteller breit – auch sie sind fasziniert von der Kraft dieses Schreis.

Dann kommt das Finale: Dracula stirbt. Backstage sind alle bereit, auf die Bühne zu treten und den Applaus entgegenzunehmen. Das Publikum klatscht und jubelt vor Begeisterung. Die Darsteller verbeugen sich. Alle strahlen.

Doch hinter der Bühne ist die Arbeit noch lange nicht erledigt: Die Dresser räumen die Kostüme auf und sortieren die aus, die gewaschen oder an denen Reparaturen vorgenommen werden müssen. Um Letzteres kümmert sich Dean Mihaljev am nächsten Morgen: Zum Beispiel näht er Knöpfe wieder an oder richtet Nähte, die sich gelöst haben. Denn schon bald heißt es: The Show must go on...

So gruselig das Spektakel auf der Bühne ist, so witzig geht es dahinter zu.

Dreimal noch stirbt Graf Dracula

Ein letztes Mal ist „Dracula“ am 13., 14. und 15. Juli zu sehen. Karten gibt es unter 07331/986889 oder per E-Mail an karten-saegewerk@gmx.de

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