Göppingen Immer wieder ein Neuanfang

  Foto: Kirche
Foto: Kirche © Foto: Kirche
SWP 05.11.2016

In der Göppinger Stadtkirche  wurde gestern die Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht. Martin Luther und die Juden“ eröffnet. Es ist eine kleine Ausstellung, die es in sich hat. Martin Luther hatte 1523 eine werbende Judenschrift verfasst, in der er alte Vorurteile ablehnte und um einen wohlwollenden Umgang mit den Juden warb. 20 Jahre später empfahl er unter üblen Beschimpfungen deren Entrechtung und Ausweisung.

Dieses Thema wirft einen dunklen Schatten auf den Reformator, dessen große Verdienste in den nächsten Monaten im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen werden. Warum so etwas ausgerechnet in einem Jubiläumsjahr nach vorne holen?

Ich denke, es hat gute Gründe. Zum einen steht es der Kirche gut an, wenn sie sich der Wahrheit stellt und unangenehme Dinge nicht unter den Teppich kehrt. Zum anderen aber ist eine Beschäftigung mit solchen dunklen Seiten nicht nur schmerzhaft, sondern auch heilsam.

Martin Luther war sich bei all seinem Erfolg immer bewusst, dass er als Mensch schuldig wird. Dass sich ausgerechnet seine Schriften gegen die Juden als großer Fehltritt erweisen würden, das hatte er sicher nicht gedacht, aber dass er grundsätzlich wie jeder andere auch ein sündiger Mensch ist, war ihm klar. Er war sich immer bewusst: Ich bin auf die Gnade Gottes angewiesen, darauf, dass Gott mich gerecht spricht.

Wenn wir uns dessen bewusst werden, dann sind wir nicht in Gefahr, ihn zu einem Supermann hochzustilisieren. Dann werden wir vorsichtig mit Überhöhungen, die jenseits von jeder Realität sind. Martin Luther hat Großartiges bewirkt, ohne Frage, und dennoch ist er vor Gott ein Mensch wie jeder von uns.

Es ist durchaus heilsam, wenn wir die Person Luthers ein wenig zurücktreten lassen, denn dann kommt das ins Blickfeld, für das er selbst zeitlebens gekämpft hat: Das Wort Gottes, das unter den Menschen wieder neu zum Leuchten gebracht werden soll. Gottes Wirken, das in der Welt bekannt gemacht werden soll.

Genau das will ja auch das Jubiläumsjahr mit der Vielzahl seiner Veranstaltungen erreichen: Dass Menschen wieder ihr eigenes Leben im Lichte Gottes bedenken. Wenn wir das tun, werden schmerzhafte Entdeckungen nicht ausbleiben. Und auch da ist es gut und heilsam, wenn wir uns der Wahrheit über uns selbst stellen. Aber all das soll getragen sein von dem Wissen, dass wir jederzeit zu Gott kommen können. Im Vertrauen auf die Vergebung Gottes können wir immer wieder einen Neuanfang wagen.