Geislingen an der Steige Im "Spital des Adels"

Das "Helfensteinzimmer" aus dem Westflügel der Zürcher Fraumünsterabtei. Es wurde 1484 errichtet, in dem Jahr, als Sibylla von Helfenstein Äbtissin wurde. Seine Fertigstellung fünf Jahre später erlebte die Gräfin allerdings nicht mehr.
Das "Helfensteinzimmer" aus dem Westflügel der Zürcher Fraumünsterabtei. Es wurde 1484 errichtet, in dem Jahr, als Sibylla von Helfenstein Äbtissin wurde. Seine Fertigstellung fünf Jahre später erlebte die Gräfin allerdings nicht mehr.
Geislingen an der Steige / KARLFRIEDRICH GRUBER 18.02.2015
Einmal in der Woche beleuchten wir in einer kleinen Serie einzelne, größtenteils unbekannte, Frauen und Männer aus dem Geschlecht der Helfensteiner. Teil eins befasst sich mit Sibylle, Caecilia und Anna.

Im Jahre 1356 teilten die bis dahin gemeinsam regierenden Grafen von Helfenstein ihre Herrschaft: Graf Ulrich V. (der Ältere) begründete die sogenannte Wiesensteiger Linie des Geschlechts mit den Städten Geislingen und Wiesensteig. Sein Vetter Ulrich VI. (der Jüngere) übernahm die Herrschaften Blaubeuren und Brenztal mit den Städten Blaubeuren und Heidenheim. Beide Familienzweige waren stets mit vielen Kindern gesegnet.

So hatte Graf Konrad von der Blaubeuren-Heidenheimer Linie (gest. 1474) in zwei Ehen nicht weniger als fünf Söhne und fünf Töchter. Auffällig ist die Tatsache, dass - anders als bei der Wiesensteiger Verwandtschaft - vier Söhne keine nachhaltigen Spuren in der Geschichte hinterlassen haben mit der Folge, dass ihr Andenken völlig verblasst ist. Allerdings wurde der Sohn Georg (gest. 1518) in Bayern Stellvertreter (Vitztum) des Herzogs Albrecht IV. von Bayern-München.

Drei der fünf Töchter Konrads und ebenso viele von der Wiesensteiger Linie verbrachten - weil die Eltern es so bestimmt hatten - ihr Leben im Kloster. Dazu kommen noch zwei Gräfinnen von Spitzenberg, die schon im 14. Jahrhundert als Dominikanerinnen im Kloster Ötenbach bei Zürich lebten.

Vordergründig weisen so viele Klostereintritte junger Gräfinnen auf eine tiefgläubige Frömmigkeitskultur der Helfensteiner hin; in Wirklichkeit aber war angesichts der bescheidenen, kaum repräsentativen Lebensumständen der gräflichen Familien, die sich am Rande der damaligen adeligen Existenzformen bewegten, eine lebenslange klösterliche Versorgung der Töchter geradezu gefordert, wenn man nicht durch hohe Mitgiftsummen in Armut versinken wollte. Klöster waren das "Spital des Adels".

Von Konrads Töchtern nahm als Erste die älteste - Sibylla - den Schleier. Sie kam in die exklusive Zürcher Fraumünster-Abtei, wo nur Töchter des Hochadels aufgenommen wurden. Am 15. Januar 1484 wurde sie zur Äbtissin dieser Einrichtung gewählt. Sie regierte jedoch so schlecht, dass nur ihr frühzeitiger Tod am 11. Mai 1487 ihre vom Zürcher Rat schon im Jahre 1485 erstrebte Absetzung verhinderte.

Gleich nach ihrer Wahl führte sie den schon von ihrer Vorgängerin begonnenen Bau des Westflügels der Abtei fort. Davon zeugt noch heute das laut Stiftsrechnung im Jahre 1484 begonnene und später sogenannte "Helfensteinzimmer", das im Jahre 1892 vom Schweizerischen Landesmuseum Zürich erworben wurde. Original erhalten sind freilich nur die Decke mit dem geschnitzten helfensteinischen Elefantenwappen und der Jahreszahl 1487 sowie der größte Teil der Täfelung und die Tür. Die auf der Abbildung zu diesem Text sichtbare Tür stammt ebenso wie die übrige Einrichtung aus einem anderen Raum der Abtei.

Das "Helfensteinzimmer", das einst im ersten Obergeschoss des Konventgebäudes lag, gilt als das mutmaßliche Wohn- oder Empfangszimmer der "Gnädigen Frau" und ist neben der Loggia ein Schmuckstück des Museums. Allerdings wurde die Innenausstattung des Zimmers erst 1489 fertiggestellt, also zwei Jahre nach dem Tod der Äbtissin Sibylla.

Vermutlich war dieser Raum die Stube - das heißt der einzige beheizbare Raum in der Wohnung - der Gräfin Caecilia von Helfenstein. Die jüngere Schwester der Äbtissin Sibylla lebte ebenfalls als Stiftsdame in der Fraumünster-Abtei in Zürich und bestimmte somit die Wahl ihrer Schwester zur Äbtissin mit. Sie starb demnach nicht in jungen Jahren, wie der helfensteinische Familienforscher und Geschichtsschreiber Oswald Gabelkover (1539-1616) und in seiner Nachfolge Heinrich Friedrich Kerler behaupten.

Ob die Gräfin Caecilia nach der Reformierung der Abtei ihre dortige Wohnung behalten durfte oder verlassen musste, wie dies von Irmengard, der dritten Tochter des Grafen Konrad und Witwe des wiesensteigischen Grafen Friedrich (gest. 1483) überliefert ist, wissen wir nicht.

Nahezu völlig unbekannt und sogar von den genannten helfensteinischen Geschichtsschreibern übersehen ist Anna, die dritte Tochter des Grafen Konrad. Auch sie wurde eine Nonne - kein Stiftsfräulein, sondern eine Dominikanerin. Dies wiederum nicht wie ihre wiesensteigischen Nichten Ursula und Apollonia in Kirchheim unter Teck, sondern im Kloster Mariental in Steinheim an der Murr.

Anna ist nur ein einziges Mal glaubhaft bezeugt, und zwar im Jahre 1478 als 20. Priorin dieses Klosters. Der damals aus 14 Nonnen bestehende Konvent war noch nicht im Sinne der Reformkonzilien reformiert. Auch bekleidete Anna das Amt der Klostervorsteherin nur kurze Zeit; denn 1476 noch ist Anna von Liebenstein als Priorin überliefert. 1478 jedoch wurde auch im Kloster Mariental die alte strenge Regel des Dominikanerordens wieder eingeführt und der Konvent mit sechs reformwilligen Nonnen aus dem Dominikanerinnen-Kloster Unterlinden in Colmar besetzt.

Ob sich die Priorin Anna und ihr Konvent, der bisher einer Reform abgeneigt war, mit der Neuordnung des klösterlichen Lebens einverstanden erklärten, ist nicht bekannt. Nachrichten über einen Widerstand der Klosterfrauen gegen die Reform liegen jedoch nicht vor.

Im Jahre 1479 übernahm die "Reformerin" Ursula von Ramstein das Amt der Priorin und verhalf dem Kloster zu einem neuen Aufschwung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Gräfin Anna von Helfenstein sich der Reform anschloss und zu einem unbekannten Zeitpunkt als schlichte Nonne das Zeitliche segnete.

Aus der Geschichte der Helfensteiner

Karlfriedrich Gruber, ein Geislinger Historiker und Autor unzähliger Beiträge zum Beispiel im Geschichtsjahrbuch "Hohenstaufen/Helfenstein", verfolgt seit Jahrzehnten die Spuren der Helfensteiner. Jetzt fasste er einige seiner Forschungsergebnisse in einer fünfteiligen Serie über das Schicksal vorwiegend unbekannter Helfensteiner zusammen.

In der GEISLINGER ZEITUNG wird von heute an wöchentlich ein Serienteil veröffentlicht. Im ersten Teil geht es um drei der insgesamt fünf Töchter des Grafen Konrad (gestorben 1474), die ihr Leben im Kloster verbrachten: Sibylla, Caecilia und Anna.

SWP

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