Ausbildung Handwerk, Hightech und Soziales

Bei der Firma Nonnengäßer in Donzdorf lernen junge Menschen den nicht alltäglichen Beruf des Orthopädietechnikers. Spaß daran haben (von links) Kira Belz, Becketh Rosero, Cosima Hinsberger – sie ist seit Kurzem Gesellin – und Marius Bähr.
Bei der Firma Nonnengäßer in Donzdorf lernen junge Menschen den nicht alltäglichen Beruf des Orthopädietechnikers. Spaß daran haben (von links) Kira Belz, Becketh Rosero, Cosima Hinsberger – sie ist seit Kurzem Gesellin – und Marius Bähr. © Foto: Patricia Jeanette Moser
Donzdorf / Von Patricia Jeanette Moser 18.08.2018

Die Menschen, die zu ­Michael Nonnengäßer und seinem Team kommen, haben oft schon viele Erfahrungen mit Schmerzen, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und  zahlreichen Arztterminen gemacht. Manchen wurden Gliedmaßen amputiert, andere sind aufgrund einer Krankheit teils gelähmt oder haben sich bei einem Unfall verletzt. Die Orthopädietechniker sollen ihnen dabei helfen, mobiler zu werden und mehr Lebensqualität zu erlangen. Keine leichte Aufgabe, das weiß auch Kira Belz, Lehrling im zweiten Jahr. Ihr Job verlange nicht nur Handwerksgeschick, sondern auch Empathie, erklärt die 24-Jährige.

Das Donzdorfer Sanitätshaus Nonnengäßer hat sich auf Orthopädietechnik mit den Schwerpunkten Prothetik und Orthetik spezialisiert. Während erstere die Herstellung von Prothesen, also künstlicher Gliedmaßen, meint, dient die Orthetik mit Hilfsmitteln wie Schienen, Bandagen und Korsetts unter anderem der Stabilisierung, Entlastung, Ruhigstellung und Korrektur nach Verletzungen oder bei Behinderungen.

Bedürfnisse der Kinder erkennen

Die Betreuung von Kindern liegt Michael Nonnengäßer und seinem Team besonders am Herzen. Prothesen und Orthesen für sie seien nicht einfach nur Miniaturversionen von Erwachsenenprodukten, schreibt der Geschäftsführer und Orthopädietechniker-­Meister auf seiner Homepage. Kinder hätten ganz andere Bedürfnisse als Erwachsene und müssten auch mit Orthese oder Prothese in ihrem Bewegungsdrang gefördert werden. Mitwachsende Systeme, engmaschige Therapiekontrollen und eine einfühlsame Betreuung seien bei ihnen besonders wichtig.

Nonnengäßer bildet pro Jahr einen Lehrling aus. Gern würde er mehr Auszubildende aufnehmen, doch der Platz in der Werkstatt setzt ihm momentan Grenzen. Nonnengäßers Team umfasst 16 Mitarbeiter in der Orthopädietechnik; dazu kommen weitere 18 Angestellte in der Rehatechnik. „Wir sind ein ehrgeiziger Betrieb und sehr familiär orientiert“, sagt Michael Nonnengäßer über sein Unternehmen. Stolz ist er darauf, dass sein Ausbildungsbetrieb einen zweiten Bundessieger im Orthopädiemechaniker-Handwerk hervorgebracht hat: Markus Rehm, der darüber hinaus als Leichtathlet mit Beinprothese erfolgreich im deutschen Behindertensport ist.

Enger Kundenkontakt zählt

Das Gesundheitshandwerk ist längst mehr als reine Handarbeit: Die Orthopädietechnik-Mechaniker, wie der Ausbildungsberuf korrekt bezeichnet wird, setzen hochtechnisierte Maschinen ein, Computerprogramme helfen bei der Entwicklung der individuell gefertigten Prothesen und Orthesen – etwa einer Armschale mit Löchern, die dank der Belüftung viel Erleichterung für ihren Träger bedeutet.

Neben dem Einsatz von Computertechnik arbeiten die Experten mit Leder, Kunststoff und Gießharz. Bis das gewünschte Hilfsmittel fertig ist, stehen außerdem Messungen, Analysen und Gespräche mit den Kunden an. Es ist eine Kombination aus traditionellem Handwerk, Hightech und Sozialem.

Was Michael Nonnengäßer beobachtet: Die meisten Kunden mit Prothesen gingen mittlerweile offensiv damit um.  Oft lassen sie die Prothesenhülle, Kosmetik genannt, mit Reliefs und Airbrush-Färbungen verzieren. „Ein künstliches Körperelement wird mit Stolz getragen, und es wird nichts mehr kaschiert“, sagt er.

Die 23-jährige Cosima Hinsberger hat gerade ausgelernt und mit der Spitzennote 1,2 abgeschlossen. Über einen Zeitungsartikel wurde sie auf das Berufsbild aufmerksam und machte erst einmal ein Praktikum, bevor sie ihre Ausbildung begann. Ein Weg, den die junge Frau jedem am Job Interessierten empfehlen würde. So erfahre man ganz genau, worauf es ankomme.

Als Gesellin will Cosima Hinsberger nun bei Nonnengäßer Berufserfahrung sammeln. Becketh Rosero hat noch ein Ausbildungsjahr vor sich. Der 33-Jährige kam über eine Messe auf das Berufsbild. Der Südamerikaner schätzt den Umgang mit Menschen und die Arbeit in der Werkstatt. Mit-Azubi Marius Bähr, ebenfalls im dritten Lehrjahr, ist froh, dass er von der Physiotherapie zur Orthopädietechnik wechseln konnte. Dem 22-Jährigen war ersteres zu theoretisch, der handwerkliche Beruf liegt ihm mehr.

Die Azubi besuchen während ihrer dreijährigen Lehrzeit die Berufsschule in Stuttgart blockweise (mehr zur Ausbildung im Infokasten). Im Betrieb arbeiten sie von Anfang an in der Werkstatt mit – und sie sind von Beginn an in die Beratung und Betreuung der Kunden miteinbezogen. Der enge Kontakt bilde die Grundlage für ein zufriedenstellendes Endprodukt, wissen die Lehrlinge. Die Ausbildung ziele zudem darauf ab, erklärt Nonnengäßer, dass die Orthopädietechniker Gespräche mit den behandelnden Ärzten ihrer Kunden auf Augenhöhe führen können.

Worüber sich die Lehrlinge freuen können: Sie haben sich für einen Beruf mit großen Zukunftschancen entschieden, denn der demografische Wandel führt zu einer kontinuierlich wachsenden Zahl von Menschen, die künftig auf Orthopädietechnik angewiesen sein werden.

Gesellin Cosima Hinsberger und den drei Azubi bei Nonnengäßer ist bewusst, dass ihr Beruf durch die zunehmende Technik und Digitalisierung immer anspruchsvoller wird. Das handwerklich gefertigte Produkt in Händen zu halten, ist für sie ein Erfolgserlebnis. Ihre Kunden glücklich, schmerzfrei oder beweglicher zu sehen, das kommt zum Erfolgserlebnis in diesem Beruf dazu. 

Bei der Berufswahl an Alternativen denken

Selten hatten junge Menschen so gute Startbedingungen für ihr Berufsleben wie jetzt. Fachkräfte mit einer Ausbildung und aufbauenden Qualifizierungen sind auf dem Arbeitsmarkt extrem gefragt und haben ebenso gute Karrierechancen wie mit einem Studium. Insgesamt gibt es rund 350 Ausbildungsberufe – und in nahezu allen werden Nachwuchskräfte gesucht. Es lohnt sich, neben den „Top 10“ der beliebtesten Ausbildungsberufe auch die nicht so bekannten anzuschauen und attraktive Alternativen für sich zu entdecken. In der Serie stellen wir einige von ihnen vor.

Die Agentur für Arbeit und das Jobcenter bringen Auszubildende und Betriebe zusammen.

Arbeitgeber, die einen Ausbildungsplatz anbieten möchten, erreichen den gemeinsamen Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Göppingen und des Jobcenters über die kostenlose Hotline:
☎ 0800 4 5555 20

Junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, erhalten einen Termin für ein Beratungsgespräch bei der Berufsberatung über die kostenlose Hotline: 
☎ 0800 4 5555 00

Ausbildung zum Orthopädietechniker

Die Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker dauert drei Jahre. Betriebe stellen überwiegend Ausbildungsanfänger mit mittlerem Bildungsabschluss ein. Arbeitsmöglichkeiten gibt es in Orthopädietechnik- und Rehawerkstätten sowie in Sanitätshäusern. (Quelle: www.berufenet.arbeitsagentur.de)

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