Hans-Joachim Pöverlein konnte seinen Augen kaum trauen: Unbekannte räumten dem Geislinger in einer Nacht einen Apfelbaum mit Roten Boskoop komplett leer. Die Polizei kam den Dieben nie auf die Spur, sie konnte nur feststellen, dass sie mit einem Geländewagen angerückt waren.

Zwei Jahre ist die Plünderungsaktion nun her, doch der Vorsitzende des Fördervereins Geislinger Apfelsaft ärgert sich immer noch enorm, wenn er davon erzählt: "Man hat die Arbeit, pflegt die Bäume und dann klaut dir einer deine Äpfel weg. Das ist sehr ärgerlich."

Die Diebe hätten es vor allem auf Obstsorten abgesehen, an die man gut rankomme und die einen guten Marktwert erzielten, sagt Pöverlein. So wie seine biozertifizierten Boskoop: Für diese alte Sorte - handgepflückt und in Tafelobst-Qualität - hatte die Firma Seeberger damals einen besonders hohen Preis von 100 Euro pro 100 Kilogramm ausgelobt; aus den Äpfeln stellte das Ulmer Unternehmen Streuobst-Apfel-Chips her. Normalerweise gibt es - allerdings fürs Mostobst - gerade einmal 15 Euro pro 100 Kilogramm.

Wo es Obst und Gemüse gibt, sind Langfinger nicht weit. Pöverlein hört im Bekannten- und Freundeskreis immer wieder von Vorfällen. Zum Beispiel von der Bäuerin auf dem Altenstädter Markt, der ein ganzes Feld mit Diptam, einer Heilpflanze, abgeerntet wurde. Oder von einem Vereinskameraden, dem in der Vergangenheit so oft Kirschen gestohlen worden seien, dass er vor lauter Verärgerung gar schon darüber nachgedacht habe, die Bäume umzumachen, erzählt der Vereinsvorsitzende.

Zäune sind an Wiesengrundstücken nicht erlaubt

Pöverlein ist wie die anderen Betroffenen hilflos. "Was soll ich machen? Ich kann ja nicht neben dran hocken", meint er. Weil Wiesengrundstücke nicht eingezäunt werden dürften, hätten Diebe leichtes Spiel. Nach neuester Rechtssprechung dürfe er wohl zwar eine Videokamera auf seinem Gelände anbringen, müsse aber auf die Aufzeichnungen hinweisen. Pöverlein lacht bitter und meint: "Wer mir da was klauen will, schlägt halt gschwind das Gerät kaputt - das ist also Nonsens."

Dabei hat er kein Problem mit den Spaziergängern, die sich einen Apfel vom Baum mopsen: "Wenn bei mir einer vorbeiläuft und einen schönen Jakob-Fischer-Apfel pflückt, sag ich nichts." Anders ist der Fall, wenn, wie ebenfalls schon geschehen, plötzlich einer während seiner Anwesenheit und hinter seinem Rücken mehrere Plastiktüten füllt und auf Nachfrage seelenruhig erklärt, die Äpfel ja nur vor dem Verfaulen am Baum retten zu wollen. "Da gibt`s schon Leute, da fällt dir nichts mehr ein", meint Pöverlein.

Auf den sogenannten Mundraub kann sich übrigens auch kein Spaziergänger zurückziehen. Der historische Begriff bezieht sich nämlich nur auf jenen Obstdieb, der in letzter Not, kurz vor dem Verhungern, die Zweige plündert. Alles andere, so heißt es bei der Polizei in Ulm, sei Felddiebstahl, und der werde wie jeder andere Diebstahl geahndet.

Hans-Joachim Pöverlein ist die Definition egal - geklaut ist geklaut. Er versucht, gelassen zu bleiben: "Das ist halt das Einzige, was man machen kann, wenns nochmal passiert: Dass man sich nicht so grausig aufregt."