Glosse: Etwas mehr Halloween bitteschön!

GZ-Redakteur Jochen Weis. Foto: Sabrina Balzer
GZ-Redakteur Jochen Weis. Foto: Sabrina Balzer © Foto: Sabrina Balzer
Jochen Weis 02.11.2016

Irgendwie ist es doch schade: Da freut man sich monatelang auf Halloween – und rubbel die Katz ist es schon wieder vorbei, so sang- und klanglos verschwunden wie die Geister, die in dieser Nacht über die Erde huschen sollen. Was? Macht Ihnen nichts aus? Ist ja nur so amerikanisches Zeugs? Mal ehrlich: Dass sich hinter Halloween irgendwelche heidnischen Bräuche aus der Keltenzeit verbergen, was es streng genommen zu einem europäischen, genauer: irischen Fest macht, ist doch kalter Kaffee. Welcher halbwegs vernünftige Geist würde es sich heutzutage noch antun, freiwillig auf der Erde zu wandeln? Bei all den Kriegen, all dem Terror rund um den Globus hätte er doch gerade noch so viel Schreckpotenzial wie ein Gänseblümchen. Da ist es in der Unterwelt doch viel schöner und ruhiger. Aber warum dann Halloween feiern? Ganz einfach: Es gibt nichts Praktischeres als dieses Fest. Ist so ein bisschen wie das Halali zum Frühjahrsputz, nur in der Herbstadaption. Klingelt’s? Genau. Süßigkeiten! Die häufen sich über die Zeit an wie die Fusseln unterm Sofa. Ist doch die perfekte Gelegenheit, das alles mal zu entsorgen, wenn es an der Haustür klingelt und einem der Spruch entgegen klingt: „Süßes oder Saures“. Und da verdient es doch etwas Wertschätzung, wenn ein historisch wertvoller Schokoriegel, Baujahr 2008, vertrauensvoll in neue Hände gelegt wird. Das Zeug hält ja dank neuzeitlicher Konservierungsstoffe ewig. Nein, ist natürlich nur Spaß, so was macht man nicht, wir wollen ja nicht, dass sich die Generation von morgen an den Süßigkeiten von gestern den Magen verdirbt. Wir wollen es schon deshalb nicht, weil Halloween bei der Generation Adipositas wahre Wunder wirkt. Da zerbrechen sich Heerscharen von Ernährungsberatern und Sportwissenschaftlern ihre Köpfe, wie sie die Kids, von denen deutschlandweit 20 Prozent übergewichtig sind, von den Spielekonsolen weglocken können, um mal ein paar Schritte mehr als notwendig zu machen – und an Halloween geschieht das Wunder. Da gehen diese Kids plötzlich freiwillig zu Fuß an die frische Luft. Bei manchen ist ansonsten die Wahrscheinlichkeit so hoch wie nach einem Sechser im Lotto vom Blitz getroffen zu werden. Viele Teenager fühlen sich in der Nacht der Toten plötzlich so lebendig wie das ganze Jahr über nicht. Gut, dass am Ende Süßigkeiten in den Sammelsäcken landen, ist etwas kontraproduktiv. Aber dem könnten ja die Geber mit mehr Schokoriegeln Baujahr 2008 entgegenwirken.

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