Prozess Gericht: Angeklagtes Paar aus Geislingen beschuldigt sich gegenseitig

Geislingen/Ulm / STEFANIE SCHMIDT 18.04.2016
Einem Paar aus Geislingen wird vorgeworfen, vor fünf Jahren den Sohn der Frau zu Tode geprügelt zu haben. Vor Gericht erging sich das Paar in Ausflüchten, Widersprüchen und gegenseitigen Anschuldigungen.
Der Fall schockiert und berührt: Ein damals vierjähriger Junge einer Frau aus Geislingen soll im März 2011 so schwer mit Faustschlägen und Fußtritten misshandelt worden sein, dass er schwere Kopfverletzungen und Hirnblutungen erlitt. Der von der Mutter herbeigerufene Notarzt konnte das Kind zwar wiederbeleben, es erlangte jedoch nie wieder das Bewusstsein und starb einen Tag später in einer Tübinger Klinik an den Folgen seiner schweren Verletzungen.

Seit gestern müssen sich die Mutter des Buben, die 28-jährige F., und ihr damaliger Partner B. (30) wegen Misshandlung eines Schutzbefohlenen und schwerer Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Ulm verantworten. Wer dem Kind die schweren Verletzungen zugefügt hat, blieb am ersten Verhandlungstag offen. Beide Angeklagte beschuldigen den jeweils anderen, die tödlichen Schläge ausgeführt zu haben.

Dem Tod des Jungen sei eine längere Geschichte der Gewalt und regelmäßigen Misshandlung vorausgegangen, heißt es in der Anklageschrift. Auch wenn sich nicht genau feststellen lasse, wer zugeschlagen habe und zu welchem Zeitpunkt, sei sich das Paar einig gewesen, das Schläge als Bestrafung angemessen seien und hätten das Verhalten gegenseitig gebilligt, argumentierte die Staatsanwaltschaft.

Bereits im August 2008 soll F. ihren Sohn dreimal so stark mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen haben, dass sich seine Wangen stark röteten. Anfang 2010 soll sie dem Jungen in einer Gaststätte nach Aussage eines Zeugen eine „laut hörbare Backpfeife“ verabreicht haben. Ihr Partner habe dieses Verhalten gegenüber den Vorwürfen des Zeugen verteidigt.

Die Mutter, die aktuell im achten Monat schwanger ist, streitet sämtliche Vorwürfe gegen sie ab. Sie habe ihrem Sohn höchstens dann und wann einen „Klaps auf die Finger“ oder „leichte Ohrfeigen“ gegeben. Die 28-Jährige gab sich vor Gericht selbstbewusst und resolut, verwickelte sich aber immer wieder in Widersprüche. Die blauen Flecken im Gesicht ihres Sohne, die anderen Personen bereits Wochen vor seinem Tod aufgefallen waren, erklärte sie damals mit diversen kleineren Unfällen – unter anderem mit Treppenstürzen, Raufereien im Kindergarten und einem Fahrradunfall.

Vor Gericht gab sie jedoch an, dass sie diese „Unfälle“ erst im Nachhinein im Verlauf ihrer Polizeivernehmungen nach dem Tod ihres Sohnes erfunden habe, weil ihr Partner mit Schlägen gedroht habe, wenn sie ihn nicht decke. „Das waren definitiv keine Unfälle“, betonte sie – ihr Partner habe den Jungen geschlagen. Wann und wie genau das geschah, konnte sie nicht angeben – mit Ausnahme eines angeblichen Vorfalls Anfang März 2011. Ihr Sohn sei eben ein „kleiner Tollpatsch“ gewesen, der sich des öfteren blaue Flecken zugezogen habe. „Ich habe B. damals nicht verdächtigt.“ Zwar habe sie ihren Partner bereits an Weihnachten wegen Schlägen gegen ihren Sohn zurechtgewiesen. „Aber dann ist ja zwei Wochen nichts passiert.“

Doch B., der mit F. und ihrem Sohn in einer gemeinsamen Wohnung lebte, will den Jungen nie geschlagen habe. Er habe sich in die Erziehung des Buben nie eingemischt, behauptet der 30-Jährige. „Ich durfte nichts machen“, betonte er. Von seiner Partnerin sei er mehrmals darauf hingewiesen worden, dass er sich aus der Erziehung rauszuhalten habe. Die eine oder andere von F. ausgeteilte Ohrfeige habe er wohl bemerkt, von Schlägen habe er nichts mitbekommen. Schließlich sei er die meiste Zeit außer Haus beim Arbeiten gewesen. Im Februar habe er zwar die blauen Flecken im Gesicht des Jungen gesehen, der Mutter aber die Geschichte von einem angeblichen Fahrradunfall geglaubt.

Auch die Misshandlungen, die schließlich zum Tod des Jungen führten, schildern F. und B. gegensätzlich. Am Nachmittag habe sie ihren Sohn zum Tischdecken in die Küche gerufen, berichtet die Mutter. Der Vierjährige sei „frech“ geworden und ihr deshalb „die Hand ausgerutscht“. Sie habe ihm eine „leichte Ohrfeige“ gegeben. Danach habe der Junge sie angegrinst: „Es kann also nicht sehr wehgetan haben“. Plötzlich sei ihr Partner dazugekommen und habe den Jungen durch Ohrfeigen und einen Schlag auf den Kopf „gezüchtigt“. Anschließend habe er das Kind im „Würgegriff“ ins Kinderzimmer geschleppt, wo der Bub schließlich bewusstlos auf dem Boden gelegen sei.

B. wiederum behauptet, es sei in der Küche zu einem Streit zwischen Mutter und Sohn gekommen, in dessen Verlauf F. mit dem Jungen ins Kinderzimmer gegangen sei. Was anschließend hinter der verschlossenen Tür passierte, könne er nicht sagen. Er habe einen „Schlag gehört“, dann sei es still gewesen.

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