Bildung Wenn der Markt versagt

Markus Mändle (links) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der HfWU. „Genossenschaften sind ein Modell der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung“, erläuterte er den Senior-Studenten bei der Hochschule 50 plus.
Markus Mändle (links) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der HfWU. „Genossenschaften sind ein Modell der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung“, erläuterte er den Senior-Studenten bei der Hochschule 50 plus. © Foto: Claudia Burst
Geislingen / Claudia Burst 01.03.2018
Genossenschaften sind immaterielles Kulturerbe der Unesco. Bei der Hochschule 50 plus waren sie am Dienstag Thema.

Genossenschaften sind eine deutsche Idee, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Auch heute ist dieses Modell noch so attraktiv und so präsent wie zu seinen Hoch-Zeiten. Nicht ohne Grund wurden Genossenschaften Ende 2016 als immaterielles Unesco-Kulturerbe ausgezeichnet. Weil es bei der diesjährigen Auflage der Hochschule 50 plus um das Kulturerbe im Allgemeinen und im Speziellen geht, stand der zweite Hochschultag am Dienstag ganz im Zeichen der Genossenschaft.

Am Vormittag war es der Geislinger Professor Dr. Markus Mändle, der seine 80 außergewöhnlichen Studenten im Hörsaal der Geislinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt mit einer Vielzahl an theoretischen Fakten rund um die Genossenschafts-Idee bombardierte. Was das in der Praxis tatsächlich bedeutet, wurde dann bei der Vorlesung am Nachmittag klar: Der Albwerk-Vorstandsvorsitzende Hubert Rinklin  erzählte aus der Geschichte und der Entwicklung der Albwerk-Genossenschaft.

„Genossenschaften sind ein Modell der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung der Mitglieder“, hatte Markus Mändle seinen Zuhörern erklärt. Genau aus dem Grund wurde im Jahr 1910 das Albwerk gegründet, verdeutlichte Rinklin dann am Nachmittag. Die sich damals bereits angesiedelten Industrieunternehmen, viele Privathaushalte und Landwirte in 21 Umlandgemeinden von Geislingen brauchten Strom. Deshalb reagierten sie  auf den Vorstoß – und die Werbekampagne – des Altenstädter Schultheißes Gustav Schneider. Der wollte eine Genossenschaft gründen, um dieses Ziel zu erreichen. „Die Geislinger setzten damals noch auf Gas und zeigten deshalb kein kommunales Interesse“, erläuterte Rinklin.

Weil es also den Strom auf dem Markt nicht gab, ergriffen Bürger selber die Initiative, um diesem Mangel abzuhelfen. Das entsprach einem der Prinzipien, das Mändle am Vormittag erklärt hatte: „Genossenschaften sind eine Korrektur zum Marktversagen.“

Gustav Schneider war ein Visionär – die Elektrifizierung setzte sich durch. 1913 versorgte das Albwerk bereits 25 000 Menschen in der Region mit Strom des Albwerks, 1914 machte die Genossenschaft erstmals Gewinn. Der Aufwärtstrend ging weiter – trotz der vielen Schwierigkeiten im Wechsel der Geschichte.

„In den 1990er-Jahren begann die Energiewende – wir merkten, ein Weiter-So geht nicht“, sagte Rinklin und führte aus, wie die Albwerk-Genossenschaft im Lauf der letzten 20 Jahre auf die aktuellen energiepolitischen Anforderungen reagierte, um den Herausforderungen des Energiemarktes bis heute zu genügen. Auch diese Ausführungen bestätigten die Theorie, die Professor Mändle am Vormittag erläutert hatte: „Genossenschaften müssen sich nicht auflösen, wenn der Markt dann funktioniert. Sie müssen nur ihren Förderinhalt zu Gunsten der Mitglieder neu definieren.“

Am Beispiel Albwerk bedeutete das, dass sich die Genossenschaft auf die politischen Vorgaben wie etwa den Anschlusszwang für erneuerbare Energien einlassen musste. Genauso wie auf die Anforderungen durch die Digitalisierung. Und sie musste auf die Liberalisierung der Energiemärkte reagieren. „Aus Abnehmern wurden Kunden“, verdeutlichte Rinklin.

Rinklin ließ sich auf die vielen Zwischenfragen der Senior-Studenten ein – und hatte eine davon bereits auf seiner Power-Point-Präsentation beantwortet: „Nein, die Windräder auf dem Tegelberg gehören nicht zum Albwerk“, stand dort zu lesen.

Info Beim dritten Hochschultag stand gestern erneut ein Weltkulturerbe im Mittelpunkt: Die Senior-Studenten machten eine Exkursion zum Dom in Speyer (Bericht folgt).

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