Wohnen Genossenschaften als Lösung

Dr. Iris Beuerle vom Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen spricht beim Immobilienkongress der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in der Geislinger Jahnhalle über die Bedeutung der Genossenschaften für den Wohnungsbau.
Dr. Iris Beuerle vom Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen spricht beim Immobilienkongress der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in der Geislinger Jahnhalle über die Bedeutung der Genossenschaften für den Wohnungsbau. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen an der Steige / GERHARD SCHMÜCKER 21.10.2015
"Bezahlbares Wohnen" ist spätestens mit der Flüchtlingskrise wieder in der Politik angekommen. Das Thema zieht sich auch durch die Geislinger Hochschultage. Zum Immobilienkongress trafen sich 200 Experten.

Professor Markus Mändle sieht vor allem die Genossenschaften in der Rolle derer, die nach wie vor verlässlich für bezahlbaren Wohnraum sorgen könnten. Wenn man sie ließe - denn ohne Erleichterungen von staatlicher Seite gehe es nicht. Dieser Meinung waren alle Referenten des Immobilienkongresses in der Jahnhalle, zu dem der Studiengang Immobilienwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) im Rahmen der Geislinger Hochschultage am Dienstag geladen hatte.

Weniger Regulierung, weniger rechtliche Vorgaben und niedrigere Hürden für Investoren fordert Professor Ramon Sotelo von der Bauhaus-Universität Weimar. Er offenbarte sich weniger als glühender Anhänger der Genossenschaften, sondern sieht vor allem einen funktionierenden Markt nach ökonomischen Regeln als Lösung. Wohnungsknappheit entstünde durch zu viel Regulierung und falsche Mieten. Wobei falsch in diesem Sinne "zu niedrig" bedeutet.

Sotelo argumentiert streng ökonomisch, dass die bisherigen Instrumente des sozialen Wohnungsbaus zu teuer und zu wenig effektiv seien. Steuererleichterungen könnten den Mangel an günstigen Wohnungen in manchen Regionen lösen. Mietpreisbremsen etwa seien dagegen der falsche Weg.

"Die Genossenschaften stehen bereit und würden bauen, aber wir werden ständig ausgebremst", beklagt Michael Wettermann, Absolvent der HfWU in Geislingen und inzwischen Vorstand der Frankfurter Wohnungs-Genossenschaft. Sein Kollege Egon Bertenberger von der Baugenossenschaft Ellwangen äußerte sich ähnlich: Brandschutz, Naturschutz, Denkmalschutz, Stellplatzvorgaben, Vergaberecht und langsame Entscheidungen machten das Bauen teuer. "Niedrige Mieten und hohe politische Standards - das beißt sich", sagte Bertenberger.

Die Genossenschaften sehen sich durchaus als potentieller Partner der Politik. Rund 400.000 günstige Wohnungen fehlen - die Genossenschaften könnten eine aktive Rolle spielen, das Problem in den Griff zu bekommen. "Wir sind die einzigen und verlässlichen Unternehmen, die nachhaltig für bezahlbares Wohnen sorgen können": Dr. Iris Beuerle, die den Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen vertritt, ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Genossenschaften mit deren Geschäftsmodell als Lösung sieht. 41 Prozent der Mietwohnungen in Hamburg seien im Besitz von Genossenschaften. "Wir nehmen nicht, was wir sollten oder müssten, sondern was wir können und drücken somit den Mietspiegel. Wir sind die Guten", betonte sie.

Dabei könnten die Genossenschaften noch mehr tun, um für preiswerten Wohnraum zu sorgen. Egon Bertenreiter verleugnete nicht den Rückzug der Genossenschaften aus dem sozialen Wohnungsbau. Die Politik habe ihnen in der Vergangenheit das Leben schwer gemacht. Dies ändere sich derzeit, "wir werden wieder gefragt".

Auch Bertenreiter fordert vereinfachte gesetzliche Anforderungen. Auch Genossenschaften müssten unternehmerisch handeln. Ihre erste Aufgabe sei es, ihre Mitglieder zu fördern. Und eines der Haupthemmnisse für billigen Wohnraum sei in erster Linie das fehlende günstige Bauland. Darauf seien auch Genossenschaften angewiesen, wenn sie bauen wollten.

Davon konnte Michael Wettermann ein Lied singen: Die Kommunen verkauften ihr Bauland noch immer so teuer wie möglich, Genossenschaften hätten kaum eine Chance, zum Zug zu kommen. Es sei diese Doppelmoral, die die Wohnungsgenossenschaften behindere. Dabei stünden gerade sie für solidarisches Handeln, das in der jetzigen Flüchtlingskrise gefragt sei. "Wir verzichten auf Erträge, wir tragen Verantwortung für das Land und wir stehen für eine echte soziale Marktwirtschaft."

Es waren vordergründig zwei Welten, die beim Immobilienkongress aufeinandertrafen: Auf der einen Seite die Genossenschaften, die sich als Partner der Politik anboten, gerade auch wenn es um die Flüchtlingsunterbringung geht. Auf der anderen Seite der Ökonom Ramon Sotelo, der in einem funktionierenden Markt mit Angebot und Nachfrage die Lösung sieht. Einigkeit bestand auf beiden Seiten in der Kritik an der staatlichen Wohnungspolitik, die zu hohe Ansprüche stelle.

Und wie sehen die Lösungen für die Herausforderungen am Wohnungsmarkt angesichts der Flüchtlingsströme aus? Sotelo hält dem Anspruch der Genossenschaften, beim Bau von billigen Wohnungen bereitzustehen, entgegen, dass es volkswirtschaftlich unmöglich sei, den nötigen Wohnraum aus dem Boden zu stampfen. Die Genossenschaftenvertreter wiesen dagegen auf die Nachkriegszeit hin, in der man so die Wohnungsnot habe lindern können. Das Solidaritätsprinzip gehöre zum Geschäft. Für Michael Wettermann ist die aktuelle Lage lösbar: "Was glauben Sie, was erst los ist, wenn Klimaflüchtlinge zu uns kommen?"

So ganz konnte sich auch Roman Sotelo dem Ruf nach Solidarität nicht verschließen. Er zog die einfache, aber drastische Schlussfolgerung: "Wir müssen im Bestand zusammenrücken."

Hochschultage: Programm

Podiumsdiskussion Experten diskutieren am Dienstag, 27. Oktober, ab 19 Uhr in der Parkstraße 4 über "Wohnen in Stuttgart, Göppingen und Geislingen: Was kommt in 20 Jahren auf uns zu?"

Ausstellung Noch bis Donnerstag sind Entwürfe von Studenten zur Neugestaltung des Hallenbad-Areals in der Kreissparkasse am Sternplatz zu sehen. SWP

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel