Neue Serie Genau hingeschaut: Kirschblüten

Ausschnitt aus dem Gemälde „Kirschblüten“ von Karin Urbani-Späth.
Ausschnitt aus dem Gemälde „Kirschblüten“ von Karin Urbani-Späth. © Foto: Hermann Dölger
Geislingen / Hermann Dölger 15.02.2018

Kirschblüten heißt das Bild von Karin Urbani-Späth, mit dem wir diese Serie beginnen wollen. Die Grafikerin, die in Bad Überkingen wohnt und arbeitet, hat diese hochformatige Tafel mit Acrylfarben gestaltet. Der Titel „Kirschblüten” verweist auf Gegenständliches, und so könnte man erst einmal eine Naturstudie erwarten, die diese Blüten präzise dargestellt zeigt.

Auf der Leinwand ist jedoch nur mit einiger Fantasie ein erkennbares Motiv auszumachen, am ehesten könnte man aus einem Abstand an eine Wolke denken oder farbigen Rauch assoziieren, der vor dunklem Hintergrund aufwärts und auseinander treibt. Die das Bild beherrschende helle Fläche ist rosa und hellgrau, sie verdeckt großflächig einen grau-dunkeln Hintergrund mit Sprengseln von zartem Grün, Flecken in Rosa und Rostbraun, die wie Einschlüsse oder Tropfen wirken. Die Farbtöne erscheinen allesamt gedeckt und nicht sehr leuchtend, insgesamt aber wirkt die Gestaltung frisch und angenehm mit deutlichen, „wachen” Kontrasten.

Eine naturhafte Anmutung kann sich ergeben – wie wenn eine noch kühle Feuchtigkeit und ein helles Licht das Leben aus dem dunklen, winterlichen Untergrund hervorlockt. „Blühend” wirkt das Rosa, gemalt wie kleine Blütenknospen; etwas gedämpft, aber lichthaft erscheint die „Wolke”, die am unteren Rand rosa eingefärbt ist.

Eine andere Welt erscheint mit dem Blick auf die Farbauftragsweise: Die Entstehung der Oberfläche ist gut nachvollziehbar: da wurde getropft, getupft, die Farbe wurde hier locker und transparent, dort pastos wie Spachtelmasse aufgetragen, sodass ein Relief entsteht; das Auge tastet die Struktur dieser Oberfläche ab, die viele unterschiedliche haptische Qualitäten hat. In mehreren Schichten wurde so mit den Farbtönen eine vielschichtige, differenzierte Wirkung erzeugt.

Es wurde nicht ganz kontrolliert gemalt, bestenfalls wurde das Aufbringen der Farbtöne gesteuert. Auf diese Weise wirkt die Gestaltung sowohl zufällig und ungeplant gemacht, eigentlich wie „geworden”, ist aber doch mit einem Gefühl für Komposition „organisiert”. Da ist zum Beispiel eine deutliche Aufwärtsbewegung in der Fläche, da sind die Hintergrund-Dunkelheiten stimmig an den Rändern verteilt. Harmonie liegt in dieser Komposition. Etwas Luftiges strahlt sie aus und eben diese feine, unplakative Farbigkeit.

Wer sich Zeit nimmt und genau schaut, kann interessante Strukturen, und auch besondere, durchscheinende Töne entdecken, die hier auf der Fläche im Malakt entstanden sind; für den kann das Bild ein Erlebnis-, ein Konsistenzen-, ein Empfindungsschatz sein. Man kann erleben, dass die Farben und die Gestaltung einen Charakter haben – sie sind nicht alles mögliche, sondern sie haben eine eigene individuelle Empfindungsqualität, die sich mitteilt, die aber kaum in Worte zu fassen ist. Eine subjektive Annäherung sei versucht: ernst, aber bewegt, aufwärts, auflösend, gedeckt, aber nicht schmutzig, nicht neu, aber auch nicht müde.

Es könnte ein ganz bestimmter Duft gestaltet worden sein – ein Riecherlebnis von einer besonderen, duftgeschwängerten Luft. Also etwas, was genauso wenig in Worte zu fassen ist wie der gemalte Farbklang. Das ist vordergründiger als das im Titel benannte Motiv. Wenn etwas derart Ungreifbares erfasst oder erzeugt werden soll, dann darf so ein Bild kein „richtiges” Motiv haben. Ein Gegenstand würde ja vom Eigentlichen ablenken: dem Empfinden, das sich einstellt, wenn man mit allen offenen Sinnen unter einem blühenden Kirschbaum steht.

Das ist mehr als der äußere Augeneindruck. Der Betrachter muss selbst mit seinem Empfinden in das Bild einsteigen und erfährt dann mit den Sinnen, was das Bild an Gehalt vermittelt. Solch ein Bild ist für diese Wahrnehmungsebene ein Türöffner, ein Werkzeug zur Verfeinerung des Spürens und Wahrnehmens.

Info Die Geislinger Artothek verleiht „Kirschblüten“ neben vier anderen Arbeiten von Karin Urbani-Späth.

Geislinger Artothek kurz vor dem Start

Am Donnerstag, 1. März, startet die Geislinger Artothek den Kunstwerke-Verleih. Vorbestellungen sind ab sofort möglich unter stadtbücherei-geislingen. de

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