Wirtschaft Geislinger rät zur digitalen Selbstverteidigung

Der Informatiker Jens Glutsch betreibt in Geislingen seit Kurzem eine „Manufaktur für digitale Selbstverteidigung“.
Der Informatiker Jens Glutsch betreibt in Geislingen seit Kurzem eine „Manufaktur für digitale Selbstverteidigung“. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen an der Steige / Ruben Wolff 20.07.2017
Der Geislinger Jens Glutsch hat einen Beruf erfunden, den es ohne die Digitalisierung nicht gegeben hätte. Ein gutes Zeichen für die Arbeitswelt?

Der Zweifel wirft einen düsteren Schatten auf sein Gesicht. „Ich glaube nicht, dass alle Arbeitsplätze, die wegfallen, ersetzt werden können“, sagt der Informatiker Jens Glutsch. Die Digitalisierung greift durch alle Gesellschaftsebenen und verändert auch die Berufswelt. Glutsch macht das Sorgen: Schon jetzt hätten viele Banken Filialen aufgegeben, weil ihre Kunden einen Großteil der Geschäfte online erledigten. Und irgendwann sollten dann Maschinen die letzten Fa­brikarbeiter ersetzen. Die Digitalisierung fresse mehr Arbeitsplätze als dass sie neue schafft, glaubt Jens Glutsch.

Dabei hat der Informatiker selbst einen neuen Beruf erfunden: Er nennt sich „data detox Berater“. Seine Aufgabe: Er bringt Menschen bei, wie sie sich geschützt durch das Internet bewegen können, „denn Daten sind giftig“, sagt der 44-Jährige, der in Karlsruhe Informatik studiert hat und sich einige Jahre als Software-Entwickler sein Geld verdiente. „Sobald wir unsere Daten rausgeben, verlieren wir unseren Einfluss. Was von diesem Moment an mit ihnen passiert, liegt nicht mehr in unserer Hand.“ Deswegen gibt Glutsch beispielsweise Karlsruher Lehramtsstudenten in Seminaren Tipps, wie sie sich mit Passwörter schützen können und was sie für ihre Privatsphäre in Sozialen Netzwerken tun könnten. Auf diese Weise können sie ihre Daten „entgiften“.

Daten für Krankenkassen?

Es sei gefährlich, wenn jemand Fotos von sich auf Facebook poste, auf denen er besoffen aussieht und Bier trinkt. So etwas könnten die Krankenkassen irgendwann dazu verwenden, um ihre Mitglieder herabzustufen. Da gibt es aber noch eine Gefahr: „Poste ich als Jugendlicher Saufbilder von mir, dann bekomme ich später vielleicht eine Arbeitsstelle nicht, für die ich mich beworben habe.“ Dank sogenannter Algorithmen analysieren viele Unternehmen längst unser Surf- und Kaufverhalten im Internet, und künftig darf die Bundesregierung ganz legal mit Staatstrojanern auf die Smartphones von Menschen in Deutschland zugreifen (wir berichteten). „Schlimm ist, das wir das mit uns machen lassen“, sagt Glutsch. Viele sagten zu ihm, dass es ihnen egal sei, weil sie nichts zu verbergen hätten. „Doch was ist mit Privatsphäre?“, fragt Glutsch. Sei es denn wirklich wünschenswert, wenn jeder alles über mich weiß? Und wer weiß, wie die Daten gegen einen verwendet werden?

Die Suchmaschine Google lehnt er völlig ab, weil sie mit Personalisierungsfiltern arbeitet und fleißig Daten über die Nutzer sammelt. Sucht Glutsch nach Informationen im Netz, dann weicht er auf startpage.com aus. Der 44-jährige Informatiker will aufklären. Er hat zwei Bücher im Selbstverlag veröffentlicht. Sein jüngstes heißt: „Gedanken zur digitalen Entgiftung“. Er will künftig Seminare an Volkshochschulen geben. Außerdem sei er im Gespräch mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen.

Und wer einen Beratungstermin mit ihm ausgemacht hat, kann ihn in der Schubartstraße treffen. Aber wie erfolgreich läuft sein Geschäft? „Es fängt erst langsam an“, sagt er verhalten. Er müsse seinen neuen Bereich erst bekannter machen. Es gebe Menschen, die nicht einsehen, warum sie für Beratung Geld ausgeben sollten.

An der Bedeutung digitaler Aufklärung zweifelt er nicht, denn einerseits biete die Digitalisierung „wunderbare Möglichkeiten“, andererseits sei ein Totalausstieg ohnehin nicht mehr möglich. „Dann müsste man schon in einer Blockhütte fernab der Zivilisation leben“, sagt er ironisch.

Ihm selbst mache die Technik Spaß, aber er sei in mancher Hinsicht selbst ein wenig nostalgisch, gibt er lächelnd zu. Seit drei Jahren kommuniziert er mit einer guten Freundin nur über Postkarten. „Sie bleiben lange erhalten“, sagt er zufrieden.

Jens Glutsch muss als Selbstständiger seinen Weg durch das digitale Zeitalter alleine antreten.

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