Chefs, die ihre Machtposition mehr für die eigenen statt für gemeinsame Interessen nutzen, können einem Unternehmen erheblich schaden. Davon ist Dr. Rüdiger Reinhardt überzeugt. Informativ und provokativ sprach der Psychologe und Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) anlässlich der Geislinger Hochschultage zum Thema „Was Macht mit uns macht“.

„Machen Sie den Selbsttest“, forderte Reinhardt die rund 65 Zuhörer im Hörsaal der Geislinger Hochschule auf. „Malen Sie sich mit dem Zeigefinger ein großes ‚E’ auf die Stirn.“ Erst hinterher klärte der Psychologe auf: Wer das ‚E’ spontan so malt, dass er es selbst lesen könnte, ist wahrscheinlich bei ungleichen Machtverhältnissen eher auf das eigene Wohl als auf das der Gemeinschaft aus. In der Psychologie nennt man das „P-Macht“, personal power. Wer das ‚E’ hingegen spiegelverkehrt zeichnet, sodass das Gegenüber es lesen kann, tendiert wahrscheinlich zur „S-Macht“ – ‚S’ für social power, Selbstlosigkeit.

Bei Führungspersonen in Wirtschaft und Politik ist sich Reinhardt sicher, was das Beste ist: Eine Mischung aus beidem. Vor allem reine P-Macht-Chefs schadeten ihren Unternehmen. Und der Wissenschaftler geht noch weiter: „Die Eindämmung von P-Macht ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“

Bei den Geislinger Hochschultagen steht dieses Jahr das Zusammenspiel von Macht und Innovation im Vordergrund. Der öffentliche Vortrag des Leiters des Master-Studiengangs Unternehmensführung an der HfWU betrachtete das Thema psychologisch und kritisch. Dabei unterstützte der habilitierte Wissenschaftler seine Thesen mit zahlreichen Studien. Macht bedeute nicht nur das Erreichen von Zielen, sondern Macht gebe es immer nur in Bezug auf andere – in ungleichen Positionen.

Der HfWU-Professor wählte deutliche Worte: „Macht verringert die Fähigkeit, sorgfältig auf das Verhalten anderer zu achten. Macht macht egozentrisch. Und Macht zerstört Beziehungen.“ P-Macht-Menschen, die zu lange im Amt blieben, riskierten Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus und Allmachtsfantasien. „Machtlosigkeit hingegen reduziert Eigeninitiative und Leistungsfähigkeit“, betonte Reinhardt.

Flüchtlingen, Alleinerziehenden oder anderen, denen Sozialschmarotzertum vorgeworfen werde, seien nicht desinteressiert oder faul. Das Fehlen von Macht führe bei ihnen viel eher dazu, die Umwelt permanent als Bedrohung wahrzunehmen. Das erzeuge ununterbrochenen Stress und die Unfähigkeit, sich selbst aus seiner Lage zu befreien. Machtlosigkeit mache sogar krank. „Dazu gibt es mittlerweile Studien noch und nöcher“, sagte der Psychologe.

„Beim Thema Kinderarmut sind die Ergebnisse besonders beschämend.“ Denn wer in der Kindheit an Armut leide und dem zugehörigen Stress ausgesetzt sei, habe eine geringere Lebenserwartung. Selbst wenn er sich im Erwachsenenalter aus der Armut befreie.

Erfolgreich sein ohne Chefs

Geht es um die Überwindung dieser Probleme, zeigt Reinhardt viel Sympathie für neue Unternehmensstrukturen: selbst geführte Organisationen ohne Chefs. Zuständigkeiten sind dort Aushandlungssache, die Gehaltsverhandlungen führen alle gemeinsam. Anwesenheitskontrollen gibt es nicht. Sämtliche Konferenzen sind für alle offen und für niemanden Pflicht. Beispiele sieht Reinhardt etwa in der seit mehreren Jahrzehnten laufenden Tomatenabfertigung am Fließband bei „Morning Star“ oder bei dem Unternehmen „Semco“. „All diese Unternehmen sind sehr erfolgreich“, betonte Reinhardt.

Mit seinen Spitzen gegen ­den aktuellen Wirtschafts-Main­stream mag Reinhardt nicht bei allen Anwesenden auf volle Zustimmung gestoßen sein. Dafür sorgten auch seine gelegentlich kritischen Äußerungen gegen die Betriebswirtschaftslehre. Doch Reinhardt machte seine Argumente verständlich und kam damit bei den Zuhörern gut an.

Die rege Diskussion am Ende musste von Prorektor Dr. Valentin Schackmann unterbrochen werden. Die Anwesenden hätten ansonsten sicher noch die halbe Nacht über den interessanten und provokanten Vortrag diskutiert.