Eine Ananas und zwei Bananen, eine Ingwerwurzel und ein Glas Essiggurken oder drei Wollknäuel und einen Korb - mehr Requisiten braucht der Puppenspieler Matthias Jungermann nicht, um biblische Geschichten kindgerecht darzustellen. Mit überbordender Kreativität und mal hintersinnigem, mal anarchischem Humor gelang es ihm gestern mühelos, sein Publikum, bestehend aus etwa 100 Kindern und Eltern, über eine Stunde mit seinem Programm "Radieschenfieber" zum Lachen zu bringen.

Bereits um 9.30 Uhr hatte ein Festgottesdienst in der Stadtkirche stattgefunden; parallel zum "Radieschenfieber" war eine Matinee, bei der die SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens zum Thema "Als Christin in der Politik" sprach.

Die Hauptdarsteller in Jungermanns ungewöhnlichem Puppentheater sind keine Marionetten oder Handfiguren, sondern Obst, Gemüse und Alltagsgegenstände. Nur die titelgebenden Radieschen fehlen auf der aus einem Tisch bestehenden Bühne. Die liegen krank im Bett, schließlich haben sie Fieber, erklärt Jungermann den Kindern. Doch auch aus seiner Zweitbesetzung lässt der Puppenspieler lebhafte Figuren mit Charakter entstehen, die Gleichnisse aus der Bibel lebendig werden lassen.

Warum lässt sich Jesus mit Leuten ein, die von anderen gemieden oder als Verlierer und Außenseiter abgestempelt werden? Die Geschichten vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Sohn sollen Licht ins Dunkel bringen. Einige Knäuel aus "original Schafwolle" werden zur Schafherde. Die Wollknäuel-Schafe sind verfressen, manchmal zickig, müffeln ein bisschen und pupsen häufig. Aber trotzdem hat der Hirte sie lieb und lässt seine ganze Herde allein, um ein verlorenes Herdenmitglied, das schwarze Schaf Heinrich, zu suchen. Nach der dramatischen Rettungsaktion lädt der Hirte alle zum großen Freudenfest ein.

Dass dort auch Lammkeule serviert wird, dürfe man theologisch nicht zu Ende denken, warnt Jungermann die Erwachsenen im Publikum. Noch größere Sorgen macht sich der Vater des verlorenen Sohns. Dargestellt wird er von einer großen Ananas. Denn die ist groß, stark, manchmal ein bisschen kratzig, hat eine schicke Frisur und man kann sich eine Scheibe von ihr abschneiden. Die Söhne werden von Bananen dargestellt. Einer von ihnen lässt sich sein Erbteil - eine Tüte Bonbons - ausbezahlen und verprasst es prompt. Er wirft die Bonbons ins Publikum und hat auf einmal ganz viele Freunde. Von denen allerdings niemand mehr da ist, als die Bonbons weg sind und von der Banane nur noch eine leere Schale übrig geblieben ist. Der Vater nimmt den Sohn trotzdem wieder bei sich auf und schlachtet zur Feier des Tages eine Gurke.

Den guten Samariter stellt Jungermann mit einer Essiggurke dar. Niemand will sich mit den Samaritern einlassen, denn sie sind, grün, pickelig, leicht schleimig und riechen irgendwie streng. Doch gerade dieser merkwürdige grüne Kerl kommt einem Reisenden - gespielt von einer Ingwerwurzel - zu Hilfe. Er wurde im dunklen Wald aus Sellerie und Staudensellerie überfallen und fast tot geprügelt. Der Samariter hilft ihm und lässt ihn auf eigene Kosten in einer Herberge - dargestellt von einem Essiggurkenglas - gesund pflegen.

Wie im Nu ging die Vorstellung in der Stadtbücherei vorbei. Um den Abschiedsschmerz zu lindern, hat Jungermann noch einen letzten Trumpf im Ärmel: Das Publikum darf die Darsteller aufessen.