Geislingen / Von Michael Scheifele  Uhr
Jugendliche in Geislingen kritisieren die Kontrollen der Polizei. Polizeichef Jens Rügner erklärt die Vorgehensweise im Jugendhaus Tälesbahnhof.

„An manchen Tagen kann ich nicht rausgehen, ohne sechsmal von der Polizei kontrolliert zu werden. Das nervt“, erzählt ein Jugendlicher. Der Geislinger Revierleiter Jens Rügner ist zu Gast im Jugendhaus Tälesbahnhof: Er spricht mit den Jugendlichen über Polizeieinsätze und -kontrollen in der Fünftälerstadt. Auch ein 17-Jähriger meldet sich zu Wort: Er hat den Eindruck, dass Jugendliche mit Jogginghosen und Bauchbeutel eher kontrolliert werden als vornehm gekleidete Passanten.

Die Polizei hat am Montag ihre Schwerpunktkontrollen in Geislingen und Bad Überkingen fortgesetzt. Die Beamten stellten Drogen sicher und ein Springmesser.

Finden Kontrollen anhand von Stereotypen statt? Der Geislinger Polizei-Chef Rügner winkt ab. Die Polizei kontrolliere verstärkt Personen, die bereits in der Vergangenheit durch Straftaten aufgefallen seien. Dabei käme es häufig vor, dass unbescholtene Personen, die mit „den üblichen Verdächtigen“ unterwegs seien, ebenfalls kontrolliert werden.  Dass auch Personen durchsucht werden, die noch nicht polizeibekannt sind, ließe sich nicht vermeiden. Wolle die Polizei Straftäter das erste Mal überführen, müsse sie auch Personen kontrollieren, die bisher noch nie auffällig geworden seien, macht Rügner klar.

Thomas Wulf: Sozialarbeiter müssen Konflikte lösen, die durch Polizeikontrollen verursacht werden

„Fest steht: Die Jugendlichen finden die Kontrollen nicht gut“,  berichtet Thomas Wulf von der mobilen Jugendarbeit im Vorfeld der Veranstaltung gegenüber der GEISLINGER ZEITUNG. Viele verstünden nicht, warum die Polizei sie kontrolliere. Häufig fühlten sich die jungen Menschen ungerecht behandelt, weil Polizisten Stereotypen im Kopf hätten. Wulf beobachtet, dass dieser Eindruck die betroffenen Personen frustriere: „Wir als Sozialarbeiter müssen versuchen, Konflikte zu lösen, die durch Polizeikontrollen bei den Jugendlichen entstehen.“

Die Polizei hat in dieser Woche intensiv in Geislingen kontrolliert. Dabei stellten die Beamten zum Beispiel Rauschgift sicher.

Die Geislinger Polizei kontrolliert laut dem Revierleiter gezielt an denjenigen Orten, an denen es erfahrungsgemäß als notwendig erscheint – „wir gehen nicht nach dem Gießkannenprinzip vor“. Die Gebiete, in denen die Polizei verstärkt kontrolliere, erstreckten sich etwa auf die Bahnhofsregion, die Obere Stadt und auf ein innerstädtisches Einkaufszentrum. Rügner sieht die Vorgehensweise seines Teams durch die Statistik bestärkt: Die Geislinger Polizei stellte bei knapp tausend Kontrollen seit März bei jeder zwölften Kontrolle eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit fest.

Belastung für die Jugendlichen?

Es häufe sich inzwischen, dass die Polizei neben Taschen und Kleidungsstücken auch Intimstellen und Körperöffnungen von Personen nach Drogen durchsuche, sagt Rügner. Die Beamten bräuchten hierfür allerdings einen begründeten Verdacht. Thomas Wulf sieht in den derartigen Kontrollen eine Belastung für die Jugendlichen. Aus deren Sicht stellt er den Sinn der Kontrollen infrage und sagt: „Kein 17-Jähriger hört auf zu rauchen, weil ihm die Zigaretten abgenommen werden.“

Jens Rügner pflichtet dem bei: „Ich gehe auch nicht davon aus, dass jemand aufhört zu kiffen, nur weil wir ihn kontrollieren.“ Die Polizei sei aber verpflichtet, den Jugendschutz ernst zu nehmen und die Rechtsordnung umzusetzen. Häufig benachrichtigten die Beamten die Eltern der Jugendlichen, wenn sie diesen zum Beispiel Zigaretten abnehmen.

Nach einen Ladendiebstahl haben Jugendliche in Schorndorf die hinzugerufenen Polizisten massiv bedroht. Einer der jungen Täter drohte sogar, einen Polizisten zu töten.

Kontrollen zeigen Wirkung, betont die Polizei

Die Kontrollen an bestimmten Orten hätten tatsächlich den Effekt, dass Personen dort weniger Straftaten verübten, stellt Rügner fest. Er schließt für die Zukunft nicht aus, dass die Polizei seltener kontrolliere, sollten sich die Zustände verbessern. Insgesamt machte Rügner deutlich, dass es in Geislingen nicht mehr Kriminalität gebe als in anderen Städten. Der Polizist gibt sich versöhnlich: „Der Großteil der Jugendlichen in Geislingen ist voll in Ordnung.“

Der Geislinger Polizei-Chef  zieht nach dem mehr als dreistündigen Gespräch ein positives Fazit. Aus seiner Sicht konnten Missverständnisse überwunden werden. Er nennt ein Beispiel: Wenn die Polizei Personen bei einer Kontrolle dazu auffordere, die Zigaretten auszumachen und die Hände aus den Taschen zu nehmen, sei dies keine Provokation, sondern lediglich eine Sicherheitsmaßnahme. Dadurch stelle die Polizei sicher, dass niemand sie angreife. Diese Situation habe in der Vergangenheit oft zu Missverständnissen geführt.

Zehn Angriffe auf Polizisten in Geislingen – allein in diesem Jahr

Die Vorsicht der Polizei hat Gründe: Zehn Personen griffen im laufenden Jahr Polizisten in Geislingen an. Rügner versichert, dass er seine Mitarbeiter anweise, angemessen mit den Jugendlichen umzugehen: „Respektvoll, aber hart in der Sache.“ Sollten sich Mitarbeiter unpassend verhalten, hätten die Betroffenen die Möglichkeit, sich direkt bei der Polizei zu beschweren.

Die Zahl der Jugendlichen, die am Gespräch teilnahmen, war überschaubar: Anfangs sind zwei, dann eine Hand voll junge Menschen anwesend. Das Echo der Jugendlichen auf das Gespräch  ist jedoch überwiegend  positiv. „Ich will auch Polizist werden“, erzählt einer der Teilnehmer am Ende des Gesprächs und erkundigt sich nach den Bewerbungsvoraussetzungen.

Polizei-Chef will Vertrauen und Verständnis schaffen

Rügner hofft durch das Gespräch mehr Vertrauen und Verständnis für die Arbeit der Polizei zu schaffen. Auch wenn vielleicht nicht die wirklich „harten Jungs“ bei dem Treffen gewesen seien, verspricht sich der Polizei-Chef davon, dass die Informationen weitergeleitet und unter den Jugendlichen gestreut werden.

Am Ende der Veranstaltung  kontaktiert Rügner über den Funk das Revier. Er spricht über die Kontrollen an diesem Tag, bei denen die Polizei keine Straftaten festgestellt hat. „So ist mir das am liebsten“, sagt er zufrieden.

Dieser Artikel erschien zuerst im ePaper und in der gedruckten GZ am Donnerstag, 11. Juli